Genau wie seine literarischen Arbeiten, hat sich die Feindseligkeit gegen Hemingway in Deutschland bis heute gehalten
Triberg sagt Festival ab, nachdem Schmähartikel bei den Bewohnern Wirkung zeigten
von Ian Johnson
Triberg, Deutschland - Das Städtchen liegt in einem tiefen Tal, voll silberfarbener Birken, die sich von einem mit Kiefern bewaldeten Hügel abheben, und als sie den Blick nach oben wendete, auf die Regenwolken, die tief und dunkel und still am Himmel hingen, stellte sie sich vor, sie sei Ernest Hemingway.
"Triberg besteht aus einer einzigen, steil ansteigenden Straße, die von schmalen, hochaufragenden Gasthäusern gesäumt ist", sagte Renate Boekenkamp, dabei eine Schilderung dieses winzigen Städtchens auswendig zitierend, die Hemingway in einem Zeitungsartikel 1922 schrieb. Dann warf die Gemeindeangestellte einen kurzen Blick auf die Häuser, die jetzt den Hügel zieren und zuckte mit den Schultern: "Seit damals hat die Bebauung etwas zugenommen, aber das Städtchen ist immer noch erkennbar von seiner Beschreibung. Es ist immer noch Triberg."
Andere Dinge sind ebenfalls gleich geblieben: die Feindseligkeit, die einige Einheimische Hemingways Gegenwart entgegenbringen. Als der gefeierte Schriftsteller Triberg während eines Forellenfischausflugs vor 80 Jahren besuchte, traf er knurrige Wirtsleute und Bewohner, die "den Hügel herunter kamen und uns mit Heugabeln vom Fluß verjagten, weil wir Ausländer waren." Heute möchte eine nationalistische Organisation, die sich "Deutschland-Bewegung" nennt, daß der Yankee-Autor verschwindet.
Genauer gesagt, übte die Gruppierung Druck auf Triberg aus, seine "Hemingway-Tage", ein jährlich statttfindendes Festival, das dem Autor gewidmet ist, abzusagen. Hemingway erwähnte Triberg und andere in der Nähe befindliche Schwarzwald-Städtchen in seinen Zeitungskolumnen und einer berühmten Kurzgeschichte, "Schnee auf dem Kilimandscharo". Das Festival, eine Idee von Frau Boekenkamp, der Kulturbeauftragten der Gemeinde, die damit den Tourismus etwas ankurbeln wollte, umfaßte "Hemingway-Fischen" (in nahegelegenen Forellenflüssen), Hemingway Mahlzeiten (Mousse aus geräucherten Forellen, gegrillte Forelle und Forellensuppe), Hemingway Lesungen ("Fishing in Baden Perfect"), Hemingway Filme und, so unwahrscheinlich es klingen mag, einen Schreibwettbewerb, bei dem von den Teilnehmern verlangt wurde, die komplexe deutsche Syntax so weit zu vereinfachen, daß sie Hemingways kargem Prosastil entsprach.
Für die "Deutschland-Bewegung" schien dies ein Beispiel dafür, daß Deutschland nicht offensiv für seine Interessen eintritt. Die "Bewegung", die sich hauptsächlich um eine Internet-Site kristallisiert, verbreitet nationalistische und vage anti-semitische Schriften, die beispielsweise einen bekannten jüdischen Zeitungsherausgeber wegen seines Einflusses in den deutschen Medien angreifen. Die Gruppierung behauptet, daß Deutschland sich in einer Krise befinde und sich nur "erneuern" könne, wenn man der Bevölkerung klar mache, wie "die Politik ausländischer Mächte darauf abzielt, alles zu zerstören, was deutsch ist".
"Hemingway konnte den Schwarzwald nicht einmal leiden und hat alle möglichen schlechten Dinge über ihn gesagt," sagte Alfred Mechtersheimer, ein Sprecher der Gruppierung. "Falls es ein deutscher Autor gewesen wäre, hätten wir ihn dafür kritisiert, was er geschrieben hat. Aber wir Deutsche wagen es nicht so etwas zu tun, wenn es um einen ausländischen Autor geht; wir scheinen zu glauben, wir müßten uns diese Dinge anhören. Einige unserer Mitglieder in der Nähe von Triberg waren nicht damit einverstanden und handelten ".
Schimpfkanonaden im Suff
Gehandelt wurde im Sommer in Form eines Flugblatts, das mit "Triberg feiert einen Mörder" überschrieben war und ein Bild von Hemingway zeigte, wie er eine doppelläufige Schrotflinte in Händen hielt. Auf der Rückseite standen "Hemingway - ein Kriegsverbrecher und Deutschlandhasser" und Briefzitate, in denen sich Hemingway damit brüstet, er habe 122 Deutsche während des zweiten Weltkriegs getötet, darunter einen unbewaffneten Kriegsgefangenen, der um sein Leben flehte.
eine Briefe werden von Historikern als Schimpfkanonaden eines Säufers bewertet. Als Berühmtheit während des Krieges wurden Hemingway und jede seiner Bewegungen genauestens verfolgt, und seine einzige bekannte Kampferfahrung erlebte er im November 1944, als er ein Gewehr während eines deutschen Angriffs auf einen amerikanischen Kommandoposten, den er gerade besuchte, in die Hand nahm. Im Lauf des Angriffs wurden mehrere deutsche Soldaten getötet und die Schüsse, die er abfeuerte, haben möglicherweise deutsche Soldaten getroffen.
Solch feine Unterscheidungen fanden sich jedoch nicht auf den Flugblättern, die jedem Haus und Gasthaus in Triberg zugesandt wurden.
Bürgermeister Gallus Strobel erinnert sich, als er zum ersten Mal eines sah. Es war im Juli dieses Jahres, kurz bevor die Dritten Alljährlichen Hemingway Tage beginnen sollten. Er war unterwegs auf einem Sonntagsausflug und hielt an einem Gasthof, dem Gasthaus Rössle. Hemingway war auch dort gewesen und hatte geschrieben, daß der Gastwirt "stur wie ein Ochse" war, während seine Frau "das Aussehen totaler Dämlichkeit hatte, wie es nur dem Kamel und der süddeutschen Landfrau eigen ist". Jeder Anwesende im Gasthaus las das Flugblatt, insbesondere den Abschnitt über das Kamel. Dem Bürgermeister rutschte das Herz in die Hose.
ch habe ein Foto der Frau des Gastwirts gesehen und sie ähnelte in der Tat etwas einem Kamel. Ich kann Hemingway nicht vorwerfen, daß er das geschrieben hat", sagte Bürgermeister Strobel, ein begeisterter Hemingway-Leser. "Aber das Flugblatt hat solch eine Aufregung verursacht! Ich bekam 100 Briefe. Die Leute fragten sich, warum wir jemanden feiern, dem es hier nicht einmal gefiel".
Die Planung der Hemingway-Tage schritt voran, aber die Aufregung nahm zu. Lokalzeitungen berichteten über die Kampagne der Deutschland-Bewegung gegen Hemingway und veröffentlichten Leserbriefe von Mitgliedern der Gruppierung. Frau Boekenkamp versuchte, eine andere Seite zu zeigen.
"Tatsache ist, daß Hemingway eine große Klappe hatte", sagt sie. "Ich weiß, daß er in vielerlei Hinsicht ein unsympathischer Kerl war, aber Tatsache ist, er war hier und hat über diese Gegend geschrieben. Und eine Menge davon war sehr positiv".
"Eine große Klappe"
In der Tat sind Hemingways Artikel über den Schwarzwald und Deutschland nicht so abwertend, wie sie dargestellt werden. Er schrieb darüber, wie er von Flüssen verjagt worden ist, aber er erklärte auch, warum Ausländer im Deutschland der frühen zwanziger Jahre auf so viel Ablehnung stießen. Das Land litt unter einer Hyperinflation und Ausländer, mit ihren Brieftaschen voller harter Währung, konnten für Pfennigbeträge ein Luxusleben führen, während die einheimische Bevölkerung hungern mußte. Seine Kritik an den lokalen Fischereiverordnungen war nicht ganz ernst gemeint. Und seine Schilderung von Triberg in "Schnee am Kilimandscharo" liefert ein einfühlsames Porträt eines Städtchens, das mit natürlicher Schönheit gesegnet aber zugleich mit wirtschaftlichem Ruin konfrontiert ist.
Bürgermeister Strobel entschloß sich für Hemingway zu kämpfen. Im August erstattete er Anzeige gegen die "Deutschland-Bewegung". Sein Vorwurf: Die Gruppierung hätte Hemingway verleumdet, indem sie behauptete, daß er ein Mörder wäre, obwohl er es nicht gewesen sei. Im September schrieb der Staatsanwalt zurück, daß das Flugblatt unter die Redefreiheit falle und er deshalb nicht Anklage erheben werde.
Äußerungen blieben hängen
"Ich konnte diese Leute nicht ungestraft damit weitermachen lassen", sagt der Bürgermeister, ein 48-jähriger Konservativer, der seit etwas weniger als einem Jahr amtiert. "Sie versuchten an alte Ressentiments gegen Amerikaner anzuknüpfen".
Allmählich begannen auch einfache Leute ihre Unterstützung zu verweigern. Hemingways Briefe, die er in dem Jahrzehnt vor seinem Selbstmord verfaßte, waren vielleicht der Ausdruck eines gequälten und verzweifelten Geistes, aber sie verfehlten nicht ihre Wirkung. "Ich muß gestehen, daß ich nicht wußte, daß Hemingway all diese Dinge geschrieben hatte", sagte Dagmar Schneider-Damm, die 2001 den ersten Platz im Schreibwettbewerb belegte. "Es hört sich nicht toll an, wenn man darüber schreibt, wie man unbewaffnete Leute erschießt". Später im Oktober berief Bürgermeister Strobel eine Sitzung des Gemeinderats ein. Unterstützung für eine Fortsetzung des Festivals war kaum noch vorhanden und Bürgermeister Strobel mußte seine Niederlage eingestehen. "Der Gemeinderat befürchtete, daß, falls wir weitergemacht hätten, wir im nächsten Jahr mit dem selben Ärger konfrontiert gewesen wären", sagte er. "Das hätte diesen Leuten weiteren Auftrieb gegeben". Die Absage der Hemingway-Tage hat der "Deutschland-Bewegung" bereits einen spürbaren Erfolg beschert.
Für viele in Triberg haben die Ereignisse jedoch nicht die Präsenz Hemingways in ihrem Leben ausgelöscht. Bürgermeister Strobel las erst vor kurzem sämtliche Werke Hemingways. Frau Boekenkamp lernte einige seiner Geschichten auswendig. Und Frau Schneider-Damm gewann einen Schreibwettbewerb auf nationaler Ebene mit ihrem nach Hemingway modellierten Schreibstil, den sie zuerst verwendete, als sie den Hemingway-Wettbewerb letztes Jahr gewann. "Schwarze Wände. Schwarze Schatten. Schwarzer Tunnel", schrieb sie. "Der Schwarzwald ist wirklich schwarz."