Wie Zeitzeugen die "Befreiung" erlebten
Als im April 1945 die Amerikaner nicht mehr ausreichend Tonnage zur Verfügung hatten, um die Deutschen, die sie als Kriegsgefangene in nicht vorhersehbarer Menge „einsammelten“, nach Amerika zu schaffen, fiel ihnen die Möglichkeit eines Lagers in Frankreich nahe der bretonischen Küste, in Rennes, ein. Natürlich wurde die gesamte Logistik der Versorgung nach typisch amerikanischer Art generalstabsmäßig geplant, denn es waren ja schließlich so an die 60.000 Menschen dort versammelt, die täglich mit dem Notwendigsten versorgt werden mussten. Alle Lagerinsassen waren auf dem Rücken mit einem schönen weißen PW bemalt worden: Prisoner of War. Aber dann bekamen die Amerikaner kriegerische Schwierigkeiten in Fernost, wo schließlich jeder Mann gebraucht wurde. Also - was auch wieder typisch für die Denkweise des „hire and fire“ war, machten sie „den Laden zu“, stellten Posten vor die Lager mit Lebensmitteln, Arzneien und Infektionsabwehrmitteln und zogen ab. Sollten doch die Landeseigner, die Franzosen, sehen, wie sie mit den vielen Deutschen zurechtkamen. Schließlich wollten die ja auch am „Sieg“ teilhaben. Eine der ersten Maßnahmen war, dass man das PW gegen ein PG auswechselte. Das war nun wieder eine typisch französische Reaktion, denn man wollte doch in Frankreich keine Prisoners of war haben, wenn schon, dann ordentlich national gedachte, Prisonniers de Guerre. Und was da an Uniformteilen neu gebraucht wurde, holte man sich aus den deutschen Kleiderkammern. Also wurden wir, die wir schon unter dem Verschleiß einiger Stücke litten, fast neu eingekleidet, denn neu die Idee, woher die neuen Klamotten kommen konnten, kam von der deutschen Lagerleitung. Und die konnte, zumindest in der Anfangszeit noch, sehr großzügig sein, schöpfte sie doch aus dem Vollen, wussten, wo viele Bekleidungskammern und Arsenale in Deutschland lagen. Das Problem war also von den Franzosen sehr schnell gelöst.
Erst mal waren wir Marinehelfer in Gotenhafen gewesen, dann das "Interregnum" Arbeitsdienst für 4 Wochen und schließlich zur Heeresflak. Überall mussten wir das wiederholen, was uns schon bei den Marinehelfern so gestunken hatte: "Vorbeimarschieren in gerader Haltung", den Spaten oder später auch das Gewehr präsentieren, dann das Bettenmachen lernen und das korrekte Grüßen von Vorgesetzten. Das war Anfang Januar 1945. Dann kam der Alarm-Ruf zu einer "Einsatzdivision" "Bärwalde". Wir lagen in Neustettin, das damals schon menschenleer war, weil die Menschen in Angst vor den Russen alles stehen und liegen gelassen hatten. Alles was Uniform hatte, gehörte plötzlich zu dieser "Einsatzdivision". Daß dieses Sammelsurium die letzte Reserve war, wussten wir natürlich nicht. Wir sollten die Russen mit Flakgeschützen vom Vormarsch abhalten. Aber schon nach ein paar Tagen hieß es "Antreten". Es wurde ein "Führerbefehl" bekannt gegeben: Einige von uns, die sich als Offiziersanwärter gemeldet hatten, sollten schnellstens aus der Frontlinie herausgezogen werden, um zu Leutnants gemacht zu werden.
Klar, man hatte uns vermisst und nun waren wir ja da. Wir sollten nach einer Ausbildungszeit von vier Wochen alle zu Leutnants erhoben werden. Die Unterkunft war eine Schule. Und wir wurden "ausgebildet": Tags über marschierten wir mit wechselnden Kommandos angetrieben und mussten Befehle befolgen. Eines Vormittags kamen die amerikanischen Jabos. Sie beschossen alles, was sich bewegte. Und das waren auch wir. Sie trafen aber nicht uns, sondern die Telegrafenmasten, die elektrischen Leitungen und die Bäume. Einer von uns trat versehentlich auf einen Draht und sprang wie von der Tarantel gestochen in die Höhe: Er hatte auf einen, noch unter Spannung stehenden, Draht getreten. Nach ein paar Tagen "Ausbildung" schliefen wir, wie immer total überanstrengt und müde, in unserer Schule auf den Strohsäcken wieder ein. Noch war es dunkel als wir Explosionen hörten. Und Kommandos: "sofort raustreten!" Als wir unsere Siebensachen zusammenpacken wollten, wurde wieder geschrieen: "Alarm" Wir ließen alles zurück und öffneten die Klassenzimmertür und wären bald ins freie gestolpert: Ein Teil der Schule war schon zerstört.. Wir hatten nicht einmal mehr Zeit, um Pinkeln zu gehen. Ließen alles zurück und fanden uns auf der Straße wieder. Im Dunkeln noch marschierten wir auf einer Ausfallstrasse raus aus Gotha.
Aus der Sicht der Amerikaner war das Lager, in dem sie die aufgesammelten Deutschen als erstes untergebracht hatten, ganz schnell zu klein. Da waren von den Jungs der Hitler-Jugend über die Flak-Helferinnen und den Volkssturm-Alten bis hin zu den Regulären aus allen Waffengattungen alles versammelt - aber wohin jetzt damit? Nach Gotha waren wir vom Ort der Gefangennahme, in der Nähe des thüringischen Molschleben, auf eine safariartige Methode befördert worden: Mit einem Jeep. Auf der Motorhaube saßen wir, die Beine frei baumelnd, zwei auf der rechten Seite, zwei in Fahrtrichtung und zwei auf der linken Seite. Die restlichen zwei, wir waren zu acht gefangengenommen worden, saßen hinten dem Fahrer und Beifahrer. Die Geschwindigkeit, die der Schwarze an den Tag legte, war alles andere als zivil - die auf der Motorhaube sitzenden hakten sich mit den Armen untereinander fest, damit wir in Kurven nicht auf die Straße fielen. Daß wir uns auf irgendeine Weise entfernen würden, daran dachten weder die Amis, noch wir selbst. Der beifahrende Schwarze hatte seine MP zwischen den Knien und kaute heftig, wie auch sein Kamerad, auf seinem Kaugummi. Sowohl die Schwarzen selbst, als auch ihre Manieren waren für uns abenteuerliche Erlebnisse. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Angst - nein, die hatten wir nicht mehr. Jetzt nicht mehr.
Am ersten Tag nach den Sommerferien sagte man uns, dass wir als Marinehelfer "eingezogen" würden. Das war erst mal alles. Wir sollten uns "vorbereiten" - was immer wir und unsere Eltern darunter verstanden. Diskutiert wurde, überlegt wurde und Ratschläge wurden gegeben. Schließlich hatte mein Vater ja den ganzen Zweiten Weltkrieg mitgemacht. Und dann kam auch der Tag, an dem in den Klassen, die dazu ausersehen waren, eine Art von Fahrkarten verteilt wurden. Pünktlich standen alle mit Koffern bewaffnet auf dem Bahnhof. Der Zug lief ein und das tränenreiche Abschiednehmen begann. Letzte Ratschläge wurden gegeben, die alle in dem einen Satz mündeten: "Paß´ gut auf Dich auf, mein Junge!" Und "Schreib auch gleich wie´s Dir geht!" Auch ein paar Reichsmark, damals hießen sie auch Rentenmark, wechselten den Besitzer. Dann ein Pfiff von der Lokomotive, rein in die Abteile und schnell ans Fenster zum Winken. Ich war Schüler der Oberschule in Schlawe ( Pommern ), 16 Jahre alt und zudem Inhaber der Dauer-Schwimmauszeichnung "Totenkopf" und "Krone", was hieß, dass ich letztlich 1 Stunde und 3 Stunden geschwommen hatte. Ich war so ´ne Art von Vice-Landesmeister von Pommern im 3000 m und 5000 m Lauf und beim 100 m-Lauf immer Letzter. Im Sommerhalbjahr hatte ich im Turnen fast immer eine -1-, im Winterhalbjahr fast immer eine -5-, von Fußball verstand ich nichts, Handball spielte ich als Läufer mit, weil das für mich das beste Training war. In Latein hatte ich fast immer eine -5- aber sonst war ich - nach meiner Ansicht - immer recht fleißig, nach Ansicht meines Vaters mit Blick auf meine Zeugnisse - wie er sagte - faul. Jetzt aber weinten meine Eltern auf dem Bahnsteig, ein weiterer Pfiff und die "Minna", wie wir den dieselgetriebenen Zug nannten, in Bewegung. Endziel war Gotenhafen.
Vormittags hatten wir Schulunterricht - so als wäre nichts geschehen. Die ältesten unserer Lehrer waren mitgekommen. Einige Fächer wurden dabei ausgelassen. Und nach dem Mittagessen wurden dann "Infanteriedienst" gemacht, wurde am Leitstand geübt und eingewiesen. Wir lernten, dass die Daten des Leitstandes an die Geschütze weitergegeben wurden und die nur noch schießen brauchten. Der Leitstand selbst bestand aus dem Rechner unter der Erde und oben drauf war der Entfernungsmesser, ein gewaltiges Ding mit einer Ausladung von ça. 12 Metern. Damit wurden die feindlichen Objekte erfasst und im Rechner verarbeitet. Die sich daraus ergebende Flugkurve wurde in entsprechende Werte umgesetzt und bei den Richtkanonieren eingegeben. Nun musste nur noch geladen werden und der Abzug war zu betätigen. Als Ladekanoniere und Transportleute für die Munition hatten wir russische Kriegsgefangene, die abends ihre Heimatlieder sangen, hübsche Holzschnitzereien machten und uns hier und da russische Brocken beibrachten. Sie gehörten einfach dazu. Auch Marinehelferinnen hatte wir in der Batterie. Da die Stammbesatzung als wir kamen um einen Teil der Mannschaft gekürzt worden war - die waren abkommandiert an die Küstenbatterien in Frankreich -war der Batteriechef, ein Oberleutnant z. See - auf jeden von uns angewiesen. Wir lernten auch die englischen und amerikanischen Flugzeugtypen anhand von Schattenbildern und sogar von Motorengeräuschen kennen. Hier und da konnten es die Ausbilder nicht lassen und uns zudem auch noch beim Infanteriedienst "schleifen" wie sie es nannten. Am schlimmsten war einer der angehenden Marineoffiziere, ein Oberfähnrich, der leise meinte "wenn ich lache, lacht der Teufel", und wehe, man hatte ihn selbst flüsternd nicht gehört. Einer der Maate kehrte seine Herkunft besonders heraus, war noch nie mit irgendeinem Feind in Berührung gekommen und schrie wie ein echter Hamburger Stauer sich die Kehle aus dem Hals: " ...ich reiß´ Euch den Arsch auf bis zum S-t-ehkragen!" - Aber wir hatten auch einen "Guten", das war der Obermaat Aulenkamp. Wenn da mal der Oberfeldwebel zum Schauen kam, brüllte er und kommandierte wie am Spieß, hatte uns aber vorher bedeutet, dass wir uns liegend nicht bewegen sollten. Das Schreien genügte, der Oberfeld kam nicht näher.
Wir wurden auch als sogenannte "BÜs" eingesetzt. Das waren die Leute an den Telefon-Klappenschränken, mit denen die Batterie mit der Außenwelt verbunden war. Alle Telefonate, die ankamen, wurden von dort weitervermittelt und darum musste dieser Posten ständig besetzt sein. Auch nachts. Und dabei fanden wir sehr schnell heraus, wie man am Kurzwellenradio, das auch dort stand, den englischen BBC-Sender, also einen Sender, der "Feindpropaganda" verbreitete, hörten. Da gab es die Musik, die uns gefiel und die wir herrlich fanden, weil's die im deutschen Rundfunk nicht gab. Aber wir wurden nachts auch zum Wacheschieben eingesetzt, denn obwohl die Batterie - nein, nicht die Unterkünfte - mit Stacheldraht umgeben war, patrouillierten wir, bewaffnet mit unseren italienischen Gewehren, die leichter als die deutschen Karabiner waren und mit einem, durch Klappmechanismus gesicherten 3eckigen Bajonett ausgerüstet war. Immer zu dritt schlichen wir, auf jedes Geräusch hörend, durch die Dunkelheit. Die Batterie lag am Rand eines fast steil in die Talsenke Gotenhafens abfallenden Landes. Die Böschung nach unten war bewachsen mit Sträuchern, hatte teilweise flacher abfallende Stellen mit tiefem, saftigen Gras bewachsen. Und so kam es ja wohl dazu, dass wir in einer Nacht Geräusche von brechenden Zweigen und schweres Atmen hörten. Wir standen da, und horchten. Alles fiel uns wieder ein, was wir tun sollten, wenn .... Aber als das Knacken nicht mehr zu hören war, gingen wir leise weiter. Da war es wieder. Wir, mit unseren 17 Jahren beratschlagten, was nun zu tun sei und vor allem, wer es tun sollte. Daß jemand von uns schreien musste: "Wer ist da?" war klar. Wir losten. Mein Freund "gewann" und schrie aus Leibeskräften: Hallo! Wer ist da? - Wir schießen gleich!" Allerdings hatten wir "die Hosen gestrichen voll" denn die Geräusche nahmen zu. Wir beschlossen nun aber doch nicht noch einmal zu rufen, sondern gleich zu schießen. Als Echo kam ein furchtbares Gebrüll. Und ein noch stärkeres Knacken von Zweigen. Nach einer Weile herrschte Totenstille. Wir standen alle drei wie angewurzelt, bis Taschenlampen aus der Batterie kamen, man rief nach uns und sehr schnell erfuhren wir, was wir angerichtet hatten: Wir hatten eine Kuh erschossen! Ein paar Tiere einer Herde war wohl beim Heimtrieb von den Polen nicht mit erfasst worden und hatte seelenruhig erst mal im Gras an der Böschung gelegen, war dann aber in der Dunkelheit aufgestanden und wollte sich auf den Heimweg machen. Wir bekamen vom Batteriechef vor versammelter Mannschaft eine Belobigung in Form eines Kriegsverdienstkreuzes, für´s Eiserne Kreuz waren wir noch zu jung, und die ganze Batterie bekam für die nächste Zeit Fleisch in jeder Form und Zubereitungsart. -
Es gab technische Neuigkeiten und das kam so: wir hatten ja immer noch mit Scheinwerfern gearbeitet. Sie waren zwar dazu bestimmt, feindliche Flieger zu suchen, sie anzustrahlen und mit den werten wurden dann die Geschütze gespeist. Die ballerten dann drauf los. Aber unsere Batterie war natürlich auch ´ne gute Zielscheibe. Die schnellen Lightnings versuchten dann, uns auf´s Korn zu nehmen, sodaß die Leuchter sehr schnell ausgeschaltet wurden. Sie hatten also nur für einen kurzen Moment ihren Zweck erfüllt. Waren also für uns in den meisten Fällen zwecklos, ja, sogar gefährlich für die Batteriestellung. Also wurden Meldungen und Berichte nach Berlin zu den Leuten abgesetzt, die sich mit diesen Problemen beschäftigten sollten. Und sie taten es. Eines Tages kam eine Gruppe von Spezialisten und Technikern und installierte etwas, von dem wir zunächst nicht wussten, wie´s funktionierte. Es war etwas Elektrisches - denn das Wort Elektronik kannten wir noch nicht. Es nannte sich FUMG und bedeutete "Funkmeßgerät". Es sollte, wie ein unsichtbarer Scheinwerferstrahl, die Flugzeuge auffassen und dann die werte an die Geschütze weitergeben. Die FUMGs steuerten selbst nach, sodaß, einmal ein Pulk aufgefasst, das gerät sich selbst weitersteuerte, immer auf der Suche nach "Metall". Und das sollte funktionieren? Natürlich meinten wir, die wir ja in Physik, Mathe und auch sonst in allem "beschlagen" zu sein meinten, dass es gehen könnte. Es wurde sogar mit Kleinfliegern, die aus Gotenhafen starteten, ausprobiert. Und siehe, wie der Flieger sich auch bewegte, der Funkmessstrahl erwischte ihn und mit dem Abschießen wär´s kein Problem mehr gewesen. Damals gab´s den Begriff "Radar" noch nicht, aber es war wohl das Radar-Jugendzeitalter, das bei uns angebrochen war. Und dann kam einige Tage oder Wochen später auch nachts Alarm. Wieder waren es die schnellen Engländer. Und unser FUMG arbeitete, die Marinehelferinnen im Leitstand zeichneten die Flugkurve auf und die Batterie feuerte aus allen Rohren. Endlich hatten wir ein Ziel und das musste doch klappen. Nach ´ner guten halben Stunde ständigem Geschützfeuer kam der Chef in den Leitstand und betrachtete sich die aufgezeichneten Kurven. Er entdeckte auch, dass es sich um eine ganz leicht aber immer weiter abfallende Kurve handelte. Er brüllte: "Feuer halt!", die Geschütze schwiegen. Und nicht nur die - rings herum herrschte nächtliche, absolute Stille. Kein Fluggeräusch, kein auch noch so entferntes Brummen. Wo waren die Flieger denn geblieben? Dieses Problem beschäftigte alle, aber dennoch gingen wir zu Bett. Am anderen Morgen löste sich das Rätsel: in etwa 3 km Entfernung war die Wiese und die Landschaft übersäht mit Aluminium-Folien. Etwa 3o cm lang und 4-5 cm breit. Tausende. Und das war´s - wir hatten auf eine Folienwolke geschossen, die die Flieger abgeworfen hatten. Sie selbst waren hübsch geradeaus weitergeflogen, wir aber hatten die Folienwolke mit unserem FMG aufgefaßt und weitergeballert. Eine gute halbe Stunde. Schon damals konnten die Engländer offenbar den Strahl des FUMGs orten und sich durch den Abwurf der Folien schützen. Klar, dass jetzt wieder die Techniker aus Berlin kamen. Sie montierten und bastelten. Wir standen zeitweise drum herum, weil alles, was irgendwie mit Technik zu tun hatte, interessierte. -
Bei der deutschen Wehrmacht gab es in jedem Jahr einen sogenannten "Tag der Wehrmacht". So hatten wir bei der Marine auch das Vergnügen so etwas mitzuerleben. Es war wohl so eine Art "event", bei dem alles mögliche geboten wurde. Letztlich auch Verlosungen, Musik und Tanz, denn wir hatten ja auch Marinehelferinnen in der Batterie. Und - man konnte Wünsche äußern, die erfüllt werden mussten. Wenn man z. B. vom Batteriechef wollte, dass er Trompete auf der Bühne spielen sollte - er musste! Und alle lachten bei der Quälerei, wenn der Kapitän z. S., meist war das sein Rang als Batteriechef, sich abmühte, Töne aus dem Blech zu locken. Bei der Gelegenheit stellte sich auch die Altersdifferenz zwischen den "Alten", also der Stammbesatzung, und den Helfern heraus: Die Helferinnen wollten einfach nur mit uns Jungen tanzen. Und bei einem dieser Wünsche fiel uns ein, dass wir, also die Helfer, ständig und fortwährend von dem Oberfähnrich dergestalt geärgert wurden, als dass er sich gewissermaßen einen Spaß draus machte, uns zu "schleifen". Grundlos zu quälen. Und dann gab er seine Kommandos noch absichtlich so leise, dass man ihn kaum hören konnte. Überhörte man ihn aber, dann ging´s erst richtig los. Er war wohl ein kleiner Masochist, nur kannten wir damals die Bezeichnung für eine solche Eigenheit noch nicht. Und er begleitete seine Tiraden oft mit dem Hinweis: "Wenn ich lache, lacht der Teufel". Und nun hatten wir uns für ihn einen Wunsch ausgedacht: Er sollte auf der Bühne eine Marinehelferin, die wir bestimmen wollten, küssen. Mehr nicht. Aber der Wunsch wurde erst bekannt gegeben, nachdem wir ihn aufgefordert hatten, auf die Bühne zu kommen. Da stand er nun und wartete auf die Fortsetzung dessen, was wir uns ausgedacht hatten. Auch die Marinehelferin, ausgesucht hatten wir uns Ute, kam unserer Bitte nach und erschien auf der Bühne. Und dann kam unser Wunsch: Der Oberfähnrich möge bitte die Ute küssen! Donnernder Applaus. Als er abebbte und absolute Stille eintrat, standen beide schweigend auf der Bühne. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, aber plötzlich machte der angehende Marineoffizier eine Kehrtwendung und verschwand schweigend in den Kulissen. Brüllendes Gelächter der versammelten Mannschaft war das Resultat. Der, der uns gegenüber immer den "Teufel" herausstellte, hatte nicht den Mut....Zwei Tage später erfuhren wir, dass der Chef dafür gesorgt hatte, dass er aus der Batterie verschwand. Er war bei uns und auch im Kreis der Marineoffiziere und Maaten unmöglich geworden. Und wir hatten mit unserem Wunsch den erhofften erfolg. Der "Teufel" war weg. -
Es regnete. Der April-Wind heulte. Vor den Toren von Bad Kreuznach an der Nahe hatten die Amis ein Areal ausgeschaut, das sicher einige -zig Fußballfelder groß war. Nichts war drauf als Weinstöcke.
Die Klopfgeister von Rennes
Der erste Whiskey
Ein Tag endet am Abend
Wenn auch Sie dieses traurige Kapitel unserer Geschichte selbst durchlitten
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Es folgen Berichte von Hans-Joachim Möller:
Vom PW zum PG
Gerade noch mal geschafft
Wir aber spürten sehr bald, dass die Amis nicht mehr da waren. Erst mal gab´s wohl noch den morgendlichen Kaffee. Der aber wurde immer dünner. Wir bemerkten es wohl, aber das Meckern war noch schwach. Aber als die Franzosen dann auf Tee wechselten und der auch nur noch schwach gefärbt war, maulten wir schon lauter. Schließlich wurde es auch mit dem Brot knapp. Ein Brot für 50 Mann! Es wurde gewogen mit Waagen, die selbst gebastelt waren und die nur deshalb genutzt wurden, weil selbst die Krümel versprachen, Hunger zu lindern. Eines Tages dann war´s auch mit dem Tee zu Ende: Es gab morgens heißes Wasser! Und das Stimmungstief sank auf unter Null, die Franzosen waren für uns die ganz Schlimmen. Wir haßten sie. Waren aber hilflos, denn bei lauten Protesten schossen sie von den Wachtürmen, wohl ungezielt, aber wir kuschten.
Und dann fragten wir uns eines Tages, was denn nun los sei: Wir bekamen jeder ein kleines Stück „Schwimmseife“. Den Namen hatte sie weg, weil sie leicht war und sogar auf dem Wasser schwamm. Und als Zugabe wurde jedem von uns eine Tube Zahnpaste verabreicht. Was war in die Franzosen gefahren, Zahnpaste? Wir erfuhren, dass „Feiertag“ sei. Frankreich feierte den 14 Juli 1945, wie jedes Jahr zuvor, seinen „jour de la liberation“ zur Erinnerung an den Sturm auf die Bastille. Als Feiertagsgeschenk bekamen les boches, das waren wir, Schwimmseife und Zahnpaste! Toll! Was aber sollten wir mit Zahnpaste? Keine Zahnbürsten. Und dann die paar Scheibchen Brot und heißer Tee? Also schmierten wir die Zahnpaste auf das pain blanc. Die Schwimmseife habe ich noch lange mit mir herumgetragen. Und die Wut auf die Franzosen wurde stärker, denn wir hungerten.
Was wir aber damals nicht genau wussten, nicht wissen konnten,war, dass die Schuld an der Misere nicht bei den Franzosen lag, sondern bei den Amerikanern! Die Posten vor den riesigen Lebensmitteldepots standen immer noch da. Die Depots aber abgeschlossen. Also mussten die Franzosen mit den plötzlich in ihrer „Obhut“ sich befindenden Kriegsgefangenen von heute auf morgen fertig werden. Daß das nicht funktionieren konnte - das bekamen wir zu spüren, schimpften aber erst mal auf die Franzosen. Ich habe ihnen in vieler Hinsicht - viel später zwar - vergeben. -
Ja, und dann mussten die Franzmänner unter dem Druck ihrer eigenen Unfähigkeit, mit den 60.000 in Rennes fertig zu werden, und auch wohl auf Grund der Tatsache, dass sie selbst in dieser Zeit stark unter den Nachkriegswirren mit allen Mängeln litten und oft selbst nicht genügend zu essen hatten, eine Aufteilung der Menschenmassen vornehmen. Es begann ein Verteilen in andere Lager, andere Städte. Als nächstes kam ich mit vielen anderen nach Chartres. Und es begann die Angst der Franzosen wegen möglicher Krankheiten durch Unsauberkeit. Also wurden wir kahl geschoren. Die deutschen Hilfs-Friseure machten sich einen Spaß draus und fragten erst mal, wie es denn gewünscht wurde. Eine Art haarlose Allee in der Mitte, gefällig? Und wenn man sich das dann ausreichend betrachtet hatte, wurde gefragt, welche Seite denn nun zuerst dran kommen sollte. Zwar alles schön individuell, aber trotzdem - alles musste weg. Da konnten sich also weder Flöhe noch Läuse einnisten. Und wir wurden zum Baden geführt. Das Lager lag nicht weit weg von der Eure und darum mussten wir uns schon im Lager nackt ausziehen, wurden dann über eine Brücke und ein paar hundert Meter weiter über das kieselige Ufer zum Wasser geführt. Es war Sonntag und die Franzosen kamen gerade von der Kirche. Für sie waren wir natürlich ein köstliches Spektakel, eine großartige Abwechslung und sicher viel zu erzählen über viele Tage. Sie hatten ihren Spaß daran, les Boches zu betrachten, nackt und ohne Haarpracht. Der Aufenthalt in Chartres aber dauerte nicht lange. Wieder wurde aufgeteilt und ich kam nach Chateauroux. Es war wie in Chartres: Wieder nachscheren, wieder baden - diesmal in der Indre. Als nächste Station war Brantôme an der Reihe.
Das Lager war schon erheblich kleiner, vielleicht nur ein paar hundert Mann. Aber hier wurde nicht lange gefackelt, man lieh die Deutschen aus. Wenn ein Unternehmer kam, der sich billige Arbeitskräfte suchte, holte er sich die entsprechende Menge. So war´s auch mit mir und einigen anderen. Der Unternehmer hatte den Auftrag, den ehemalig von Deutschen besetzten und genutzten Flugplatz von Bergerac wieder in Ordnung zu bringen. Zwanzig Leute auf einem kleinen LKW und ab ging´s auf den Flugplatz, wo noch ein paar Baracken standen. Wir erhielten unsere Aufträge und das war´s dann auch. Zu essen waren da eine Reihe von Säcken mit Karotten und Tee in Kästen. Die Karotten roh, wie sie aus der Erde kamen, der Tee trocken, wie jeder Tee. Das war unsere Nahrung. Wenn wir uns ein paar grüne Gräser suchten, von denen wir meinten, dass sie essbar seien, diente das nur dazu, um ein wenig andere Farbe in die gekochten Möhren zu bringen. Die sahen immer gleich aus. Der Erfolg war durchschlagend: Nicht nur ich hungerte, nahm ab und wurde schwächer und schwächer, sondern es stellte sich auch Durchfall ein. Nicht mehr beherrschbar war fast alles „be- und verschissen“. Deshalb kam Franzose eines Tages wieder mit seiner Camionette, einem kleinen Pritschenwagen, und lud alle die auf, die es kaum mehr allein schafften. Es ging zurück nach Brantôme - zum Umtausch! Beim „abladen“ half man mir, ich konnte es kaum noch allein schaffen, in´s „Revier“ zu kommen, wegen der ruhrartigen Erscheinungen. Das war die letzte Station, aus der man kaum mehr lebendig wieder rauskam. Das einzige „Pflegemittel“ gegen den „Dünnschiß“ waren geriebene Äpfel, ein wenig trockenes Brot und Tee. Ich hätte - so mein Eindruck heute - „Reklame laufen können, für Buchenwald“ - klingt zwar böse, aber wenn fast jeden Tag der Bettnachbar morgens tot, nicht mehr aufgestanden war, dann glaubt man nicht mehr an Böses oder Gutes. Man hofft vielleicht noch.
Und dann erschallte eines Tages ein Ruf vom Lagerhof nach Arbeitskräften für eine „Brikett-Fabrik“. Der Zuspruch war sehr gering, denn alle glaubten an Staub, schwarz an allen Gliedern und wenig zu essen. Aber schlimmer als hier konnte es doch wohl nicht sein. Und da immer wieder gerufen wurde, meldete ich mich schließlich, packte meinen noch verbliebenen Brotbeutel zusammen und ging, schwankend zwar, zum Revier-Leiter, einem Arzt, bat um meine Papiere und ging zum Hof runter. Dort standen zwei lächelnde älterer Franzosen, ein Älterer und ein Junger, der offenbar sein Sohn war. Als die Camionette mit 8 Mann besetzt war, also so viel, wie er brauchte, ging´s ab. Ein paar Kilometer aus Brantôme raus und der Wagen hielt. Der Franzose kam und sprach mit uns. Keiner schien zu verstehen. Aber dann meldete sich einer von uns. Er war, wie sich herausstellte, Lehrer für Französisch an einer Schule in Saarbrücken. Wir erfuhren, dass wir für ein Dorf bestimmt seien, um dort bei Bauern zu helfen. Und er fragte uns, was wir denn nun wirklich von Beruf seien, weil er doch „Brikettmacher“ gesucht hatte. Keiner war das, was er suchte: Da war ein Schneider, ein Lehrer, ich bezeichnete mich als „Student“ - und so fort. Allerdings stellte sich auch heraus, dass keine„Brikettmacher“ gesucht wurden, sondern - und das war der Übersetzungsfehler des Lager-Dolmetschers, - „briquettiers“, also Ziegeleiarbeiter
( briquetterie = Ziegelei, la brique = der Ziegel ). Dann meinte er noch, dass die Säcke, auf denen wir saßen, Esskastanien ( les sacs sont plein des marons ) enthielten und wenn wir wollten .... Nun, das ließen wir uns nicht zweimal sagen. -
Als wir dann ankamen, befanden wir uns in einem kleinen Dorf 7 km von Bergerac, bekannt durch die historische Figur des Cyrano de Bergerac, Bouniagues. Wir wurden verteilt und ich kam in die Ziegelei. Nur stellte sich schon nach ein paar Tagen heraus, dass ich für die vorgesehene Arbeit völlig untauglich war: Mit meinen 189 cm Größe wog ich nicht nur ça. 40 kg, sondern konnte mich, hatte ich mich gebückt, kaum wieder selbst aufrichten. Ich war wahrlich nur noch ein Schatten meiner selbst. Amedée, das war der Patron, der Chef und Inhaber der Ziegelei, beschloß, mich wieder nach Brantôme, ins Lager, zurückzufahren. Aber seine Frau, Amelie, hatte Mitleid und meinte, er soll „le petit (!) doch noch ein wenig gefüttertn, „ il est tellement jeune, et tellement maigre“. Meine beiden Kameraden meinten dann, ich dürfe nichts weiter essen, als trockenes Brot, gekochte, trockene Kartoffeln und Rotwein dazu. Das war dann auch meine Nahrung für ein, zwei Wochen. Und die Kur wirkte: Ich durfte nicht nur bleiben, sondern entwickelte mich zur Freude vom Patron zu einem seiner besten Spezialisten. Amedée Durand, Tuilier de Bouniagues hat mir das Leben gerettet. Ich hatte es gerade noch mal geschafft. Durch Amedée weiß ich, wie man Ziegel macht, formt, brennt, zählt und verkauft, auch Brunnen tiefer macht, mit Sprengstoff umgeht und letztlich auch Steinbrucharbeiten und dorfeigene Straßenreparaturen durchführt. Doch davon später.
Erlebnisse 1945
Es begann in Neu-Stettin
Auch ich bekam einen solchen Marschbefehl, schickte mich und einige andere, wir waren wohl ein Dutzend, nach Schwerin. Aber Züge, um dorthin zu gelangen, gab´s nicht, alles war für Flüchtlingstransporte eingesetzt. Da halfen selbst korrekte "Marschbefehle" nicht viel. Also nahmen wir die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen. Und schon das allein war ein schreckliches Abenteuer, denn was sich in den Zügen abspielte, war traurig, furchtbar und scheußlich zugleich. Wir erlebten zum ersten Mal, was Menschen, Frauen und Kinder, Alte und Gebrechliche in den überfüllten Abteilen aushalten mussten. Selbst in den Gepäckablagen, teilweise nur mit Netzen versehen, schliefen Kinder und lagen Leute, die nicht mehr sitzen konnten, teilweise krank und verwundet waren. Endlich in Schwerin angekommen, fragten wir uns durch und fanden uns, die wir ja von der Heeresflak kamen, in einer Ersatz- und Ausbildungsabteilung der Feldartillerie wieder. Aber alles Protestieren half nichts, wir sollten "ausgebildet" werden. Wir lernten, dass es nicht, wie bei der Flak, Granaten waren, die mit der Kartusche zusammen ins Geschütz geschoben werden konnten, sondern bei der Feldartillerie aus zwei Teilen bestanden. Es war alles sehr kompliziert. Nach 4 Tagen , wir waren gerade wieder dabei, uns mit den Kartuschen und ihrer Wirkungsweise zu beschäftigen, kam ein eiliger Hauptfeldwebel und schrie schon von Weitem: "Wo sind die Idioten von der Flak?" Als wir uns meldeten, bekamen wir den ersten Anschiß: Ob wir denn nicht wüßten, dass wir hier falsch wären ... und so weiter. Wir mussten schnellstens unsere Sachen packen, bekamen neue Marschbefehle und dann ab zum Bahnhof. Diesmal sollte es nach Gotha gehen.
In den Zügen sah es genau so aus, wie in den Flüchtlingszügen, die wir schon kannten. Wir wählten einen Güterzug. Die damals noch die angeklebten Bremserhäuschen. In jedes quetschten zwei von uns und so ging´s ab. Wenn man längere Zeit so ungewohnt zusammengepfercht hockt, schlafen irgendwelche Glieder ein. Und dann unsere ganze Ausrüstung inklusive Gasmaske. Wir waren froh, als wir auf einem Bahnhof hielten und vertraten uns die Beine. Nach kurzer Zeit ging´s weiter. Unsere Reise ging Richtung Berlin. In Oranienburg standen auf dem Bahnhof "Kettenhunde, wie wir sie nannten, die Militärpolizisten. "Alles raustreten" lautete das Kommando. Wir waren ja nur acht, zeigten unsere Marschbefehle, die zusammen mit den Wehrpässen einkassiert wurden. Es waren SS-Leute, die uns, wie sie sagten, zum Einsatz zur Verteidigung von Berlin einsammeln mussten. Man verfrachtete uns mit einem LKW nach Berlin rein und hieß uns vor einem prachtvollen Bau aussteigen. Wir sollten registriert werden. Standen so herum und dachten ... eigentlich nur daran, wie wir aus "dieser Scheiße" wieder rauskommen konnten. Einer der Unteroffiziere lief mit unseren Papieren in der Hand herum und schrie irgendetwas. Einer von uns war Berliner. Er flüsterte mit uns und ging dann zu dem Unteroffizier. "Gib schon her, das Zeug," dabei meinte er "den Papierkram". "Was schleppst du damit rum, wir laufen dir schon nicht weg ..." Der ließ sich überreden. Wir verteilten alles unter uns und achteten dann auf die nächste Straßenbahn. Die Gleise lagen etwa 5o Meter von uns auf der Straße.
Als sich der Wachhund einmal abwandte und die Straßenbahn kam, spurteten wir ab und erreichten unser neues Transportmittel ehe sich der Unteroffizier dessen richtig bewusst wurde. Er schrie wohl noch hinterher, aber wir winkten aus der Straßenbahn und weg waren wir. Das war der Anfang von zwei Bombennächten in Berlin, von denen wir wohl gehört hatten, nun aber dabei sein mussten. Unser "Berliner" nahm uns mit nach Hause, aber da wir uns kaum blicken lassen durften, hausten wir im Keller, des Hauses, jetzt als Luftschutzkeller ausgestattet. Nachts bei Fliegeralarm versammelten sich alle Bewohner dort unten. Und Alarm war immer. Und dann ging auch das Licht aus, Frauen weinten und Kinder schrieen. Das hielten wir nicht aus und stiegen an die Oberfläche, wo uns ein Luftschutzwart erwartete und meinte, wie sollten sofort wieder in den Keller zurückgehen. Wir aber betrachteten uns die Wirkung der "Luftabwehr", sahen die Brände entstehen und duckten uns, wenn wir meinten, dass es in der Nähe eingeschlagen hätte. Wir erlebten den Krieg zum ersten Mal hautnah und konnten doch nichts zu unserer eigenen Sicherheit tun. Das war der Grund zu dem schnellen Entschluß, es nun doch noch mal mit unserem Reiseziel Gotha zu versuchen. Und es klappte: Wir fanden einen Zug und waren bald am Ziel.
Erlebnisse 1945
Der Weg nach Gotha
Unterwegs war der Volkssturm, alte Männer und noch Jüngere, als wir es waren, dabei und errichteten Straßensperren. Sie hoben Löcher aus mit Spitzhacken und Schaufeln, Spaten und anderen Grabwerkzeugen. Sie legten Baumstämme quer und senkrecht. Und wir fanden uns im Feld nicht weit davon wieder, weil wir das Geräusch von Panzern hörten. Und das konnten wir beobachten: Drei Shermans kamen auf der asphaltierten Straße und hielten etwa 20 Meter vor einer dieser Sperren. Dem einen wurde es zu bunt und er fuhr um die Sperre herum auf´s Feld und dann wieder zurück auf die Straße. Dem Dritten schien das zu lächerlich und er gab einen Schuß auf das Hindernis ab. Als sich der Staub verzogen hatte, war die Sperre weg und der Panzer fuhr weiter. Wir hatten alles beobachten können und lachten, denn schon vorher hatten wir unsere Witzchen über die Arbeit der Alten gemacht, aber nun lagen wir zwischen der Straße, auf der während des Tages jeden Moment wieder die Amis kommen konnten und dem etwa 300-400 Meter entfernten Wald im freien Feld, nur hier und da mit Büschen besetzt. Und dass auch dort schon Amerikaner saßen, merkten wir, wenn einer den Kopf ein wenig zu weit herausstreckte: Man schoß auf uns. Einfach so. Also ließen wir die Köpfe unten. Aber den ganzen Tag so liegen? Ohne was in den Magen zu bekommen? Langsam machte sich das Bedürfnis nach was Essbarem bemerkbar.
Irgendwann um die Mittagszeit meinte jemand, "...da hinten ist doch ein Gehöft, ob´s da was zu essen gibt?" Also wurde gelost, wer denn dorthin abgesandt werden sollte. Zwei bekamen diese Aufgabe: Ein Kamerad und ich. Wir beschlossen, den mit den Büschen gerandeten Graben als Deckung zu nutzen und dann spurteten wir los. Als wir den Bauernhof erreichten, stellten wir fest, dass dort die ganze Verpflegung gelandet war, mit Küche, Vorräten und allem, was dazu gehörte, also auch Flaschen mit Inhalt. Wir beide bedienten uns erst mal kräftig von allem, was da war. Hauptsächlich waren das die Trockenrationen, die wir "Hundefutter" nannten und zwischenrein, als Getränk "Escorial-grün". Wir fanden Papiersäcke und füllten sie. Mein Begleiter hatte das Essbare, ich das Trinkbare. Aber beide hatten wir schon zuviel getrunken und wurden leichtsinnig. Dennoch trabte er den gleichen Weg wieder zurück, im Graben und die Büsche als Deckung. Ich hatte nur den Gedanken, so rasch wie möglich zurück zu den anderen. Also lief ich einfach los, geradewegs übers Feld, auf dem Rücken die klappernden Flaschen im Papiersack.Eh´ ich mich versah, pätschte es neben mir. Da ich nicht mehr ganz normal reagierte, lief ich einfach weiter und sah plötzlich, dass sich neben mir ein Loch auftat. Irgendwie kam doch wohl der Gedanke durch, dass dies ein scharfes, nicht explodiertes Geschoß gewesen sein könnte. Ich ließ den Sack fallen und nahm die Beine buchstäblich in die Hand, das letzte Stück robbend bis zu den anderen in die Deckung. Dort wurde ich schimpfend empfangen, weil ich ohne "Getränke" zurückgekommen war, zumal wir erzählten, um was für Flüssigkeiten es sich handelte.Also mussten wir trocken liegen bleiben, bis es zu dämmern begann. Dann setzten wir uns ab, über die Straße und fanden uns auf dem Friedhof wieder. Der Friedhof von Gotha war für ein paar Stunden unser Quartier, bis jemand meinte, wir müssten doch wohl ein wenig weiter weg von den Amis eine Bleibe suchen. Und die fanden wir auf einem großen mit Schienensträngen belegten Gelände, fabrikähnlichen Gebäuden und einem alten Aufsichtsmann, der uns erklärte, dass wir uns auf dem Gelände der Gothaer Waggonfabrik befanden. Er meinte auch, dass wir in einem Raum, in dem einmal Fremdarbeiter gelegen hatten, schlafen könnten. "Aber," so meinte er, "wenn ihr was Besonderes sucht, da gibt´s ein Depot der Waffen-SS, das steht leer". Er wies uns einigen von uns, die Lust auf eine Untersuchung dieses Ziels hatten, den Weg. Ein paar von uns, zu denen ich auch gehörte, machten sich auf den Weg. Wir fanden ein Gebäude mit mehreren Etagen. In jeder entdeckten wir Kostbarkeiten, die wir schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Da waren in sogenannten Verpflegungsbomben z. B. Schoka-Cola-Packungen, herrliche Essbarkeiten und Getränke. Auch Füllfederhalter, Netzwäsche, wie sie die Soldaten in Afrika getragen hatten und Tarnanzüge, die man wenden konnte: Außen grün-braun-schwarz gefleckt und innen weiß. Jeder stopfte sich das, was er meinte, es sei für ihn das interessanteste, in Behältnisse, die auch verfügbar waren. Ich hatte einen Seesack erwischt. Immer wenn der Sack voll war und man meinte, etwas Besseres gefunden zu haben, wurde entleert und neu gepackt. So beladen steuerten wir, angehende Leutnante, die sich ihre Ausbildung sicher anders vorgestellt hatten, wieder zurück. Unterwegs trafen wir auf ein paar dunkle Gestalten, die uns schon von Weitem zuriefen "Wir sind Deutsche - nicht schießen!". An unseren Gesprächen hatten sie uns erkannt, waren von den letzten Resten des Volkssturms.
Zurück in unserem Quartier haben wir wohl ein paar Stunden geschlafen, bis uns der Wachmann weckte und meinte, wir sollten uns schleunigst davon machen "die Amis rollen auf der anderen Seite in die Stadt!" Also packten wir unsere Siebensachen, und zogen von dannen. Inzwischen war unser Häuflein auf 10 Leute geschmolzen. Außer unseren "Eroberungen" in den Säcken waren wir voll ausgerüstet. Bedauerlicherweise mussten wir an dem vorangegangenen Morgen, als es Alarm gegeben hatte, alles, was wir noch an Privatem bei uns hatten, zurücklassen. Die Fotos meiner Eltern, von uns zu Hause und von meinen Brüdern - alles lag noch in der Schule. Was wohl daraus geworden ist? Nun, wir fanden einen Feldweg und trotteten des Wegs, nicht wissend, wohin und was wir wirklich wollten. Aber "weg" wollten wir. Krieg bedeutete für uns nur noch "davonlaufen". Und so wurde es langsam Vormittag. Wir entdeckten bald, dass wir nicht allein waren: Auf der parallel verlaufenden, asphaltierten Straße, sahen wir in etwa 200 Meter Entfernung eine ähnliche Gruppe marschieren. Plötzlich aber hörten wir Kettengeräusche. Schone wieder diese ekelhaften Shermans, dachten wir und duckten uns in den Straßengraben. Und sie kamen tatsächlich: Es waren fünf Stück. Als sie bei der Gruppe angekommen waren, die wir gesehen hatten, konnten wir nur feststellen, dass die auf die Panzer kletterten und dann fuhr die Kolonne weiter. So um die Mittagszeit kamen wir ins nächste Dorf und fragten natürlich gleich nach der Gastwirtschaft. Der eine meinte "wo ist hier ein Krug?", der andere übersetzte "...der meint Kneipe!" Man wies uns die Richtung und fanden, was wir suchten, schließlich hatten wir einen Bärenhunger. Einer von uns hatte seine nächtlichen Eroberungen als fein säuberlich gebündeltes Briefpapier identifiziert. Mit dem damalig schon fast in Vergessenheit geratenen Werbespruch "Schreibste mir, schreibste ihr, schreibste auf MK-Papier". Ich kramte in meinem Seesack und fand stapelweise Netzwäsche, drei Tarnjacken und zwei dazugehörige Hosen und Sahnebonbons! Unmengen von Sahnebonbons! Ganze Kartons voll mit Sahnebonbons. Nicht nur die Dunkelheit war Schuld an dieser Wahl, sicher war es auch der Mangel der letzten Jahre während des Krieges, wo wir so etwas kaum oder gar nicht mehr bekommen hatten. Nie werde ich vergessen, wie viel Freude ich Kindern dieses und der anderen zwei Dörfer gemacht habe, als ich Sahnebonbons verteilte!
Den Wirt fragten wir, ob wir zu essen bekommen könnten. "Klar, steht schon auf dem Herd!", war seine Antwort. Und "geht mal nach nebenan, da sitzen schon welche von eurer Sorte." Mit lautem Hallo, wurden wir begrüßt. Das "Woher" und Wohin" wurde gefragt. "Wir kommen aus Gotha", war die Antwort. "Wir auch" - "Aber wir sind nicht zu Fuß, wie ihr!" - "So, wie denn?" - "Wir sind mit ´nem Taxi gekommen!" Wir staunten. Es stellte sich heraus .... Als die Panzer gekommen waren, hatten sie Halt gemacht, hatten die Hände hoch gehoben. Die Amis hatten ihnen bedeutet, sie sollten auf die Panzer steigen. Dann fuhren sie weiter. Im Dorf angekommen, meinten die Amerikaner, jetzt könnten sie absteigen. Was sie - erstaunt zwar - auch taten. Die Panzer rollten davon und unsere Erzähler suchten sich den Gasthof. Sie hatten alle Waffen bei sich, kein Stück der Ausrüstung fehlte, die Amis hatten ihnen hinterher gewinkt und gelacht. So geschehen abseits von Gotha. Anfang April 1945. Jetzt saßen wir und wurden bewirtet von einem Thüringer Wirt, der uns was Gutes tun wollte. Wir haben es ihm, ich habe es ihm, nicht vergessen.
Erlebnissee 1945
Klosterschule Bad Hersfeld
So kamen wir in Gotha an, dort, wo wir ein paar Tage zuvor noch in der Ausbildung gelegen hatten, wo wir in der Waggonfabrik genächtigt hatten - und wo wir noch nicht ahnen konnten, wie schnell dieser Teil des Krieges für uns erst mal vorbei sein würde. Wir staunten nur immer wieder, mit welchem Einsatz an Material jetzt die Stadt beherrschten: Da landeten ständig Hubschrauber, Unmengen von Lastwagen jeder Art und Größe waren zu sehen - es mussten Tausende sein. Aber das Feld, auf dem jetzt die Menschen sich dicht gedrängt bewegten, war bald zu klein. Die Amis zogen ihre Konsequenzen in der Form, dass sie irgendwo an der Autobahn ein größeres Areal ausfindig machten und dahin das Lager Gotha entleerten: Wir erfuhren, dass es in der Nähe von Kirchheim war. Und hier wurde der regelrechte, wie wir bald erfahren mussten, amerikanische Betrieb eingerichtet: Unterkünfte gab´s keine, Verpflegung wurde verteilt, indem man Alles in eine Ecke trieb und dann durch eine in der Mitte des Feldes aufgestellte Kisten- und Kartonreihe trieb. Jeder bekam seine Dose oder seine Packung im Laufen zugereicht, mit viel Geschrei und Drohungen, uns noch schneller zu bewegen: Let´s go - let´s go. Nach den ersten zwei Tagen kam nahe dem Hauptposten Bewegung in die Amerikaner: Ein LKW fuhr vor, und die am nächsten Stehenden wurden aufgefordert, aufzusteigen - natürlich auch wieder mit Let´s go- let´s go! Genau 5o wurden abgezählt, ich war dabei, weil ich so neugierig gewesen war, mich ranzudrängen, eigentlich nur, um zu wissen, was da vor sich ging. Wieder saßen zwei Schwarze im Führerhaus, die Ladefläche war offen und gestrichen voll. Die Fahrt war wieder reichlich abenteuerlich, weil die beiden im Führerhaus keine Rücksicht auf ihre Ladung nahmen. Immer wenn sich eine Kurve zeigte, avisierten die ersten am Führerhaus mit dem Kommando "Achtung-Kurve" das neue Geschehnis und brüllten je nach der Straßenbiegung "nach links legen" oder nach "nach rechts legen", weil wir meinten, wenn wir´s nicht täten, würden die Kerle da vorn die Karre umkippen lassen. Die aber saßen seelenruhig und ließen sich weder durch die Ladung, noch durch Straßenzustand stören. Sie wussten, wohin sie sollten: Nach Bad Hersfeld.
Ein sich dort installierendes Head Quarter hatte Arbeitskräfte angefordert. Und so landeten wir vor der Klosterschule in Bad Hersfeld. Unsere Aufgabe war klar und brüllend definiert, ein Colonel sah uns wohl alle als Schwerhörige an. Wir sollten alles, was, in welcher Form auch immer, beweglich war, aus den Klassenräumen, der Turnhalle und dem angrenzenden Werkzeug-Gebäude holen und vernichten. Dazu gehörten die Kartenständer in den Klassenräumen, der Chemikalienschrank im Chemieraum genauso, wie die Pulte, Zeigestöcke und schließlich die Strohsäcke der Turnhalle, denn dort hatten polnische Arbeiter zwecks Unterbringung gelegen. Als wir begannen, sah sich der amerikanische Offizier mit noch ein paar Amis unsere fast hilflos anmutende Absicht an, seine Vorstellung von einer "Entleerung" und "Vernichtung" in die Tat umzusetzen. Ein neuer Befehl lautete: Stop all that shit! Und vieles andere mehr, was seinem Handtelefon galt. Das Resultat näherte sich in Form eines Bulldozers in einer Größe, die wir noch nie im Leben gesehen hatten. Oben saß irgendwo wieder ein Schwarzer und dirigierte das Monstrum mit ein paar Hebeln, versuchte durch das Tor des Schulhofes zu komme, fand aber sehr schnell, dass das Tor zu klein war. Sowohl in der Höhe, als auch in der Breite. Der Maschinist zog die Konsequenz: Er durchbrach beim Anfahren die Schulhofmauer und stand plötzlich auf dem Schulhof. Ein Wortwechsel mit dem Colonel führte dazu, dass er zu arbeiten begann: Er machte innerhalb einer halben Stunde aus dem Schulhof ein Loch und kippte dessen Inhalt auf die Straße, wo schon viele Leute standen und staunten. Den Amis aber standen sie im Weg, sie wurden vertrieben: Man verteilte ganze Kisten mit Bananen und Süßigkeiten verbunden mit der Aufforderung, sich zu entfernen. Und den Menschen, die mindestens seit Kriegsbeginn keine Bananen gesehen hatten, konnte man den Abzug nicht besser versüßen, als auf diese Weise. Die Straße entleerte sich. Und wir standen da, bestaunten unentwegt das Geschene und wussten nicht, was wir tun sollten. Als das Loch fertig war, bekamen wir endlich Arbeit: Alles, was an beweglichem Inhalt und Inventar in der Klosterschule war, wurde in das Loch befördert. Die Tiefe reichte nicht, also türmten wir alles hoch auf. Immer unter den strengen Augen des Colonel.
Immer, wenn wir nichts zu tun hatten, wurden wir an die Verpflegungsstelle beordert, damit wir uns dort in GI-Manier sättigen konnten. Wir staunten auch hier: Alles wurde mit Benzin beheizt - einem Stoff, der bei uns so knapp war, dass selbst die ersten Panzer versuchsweise mit Holzvergasern ausgerüstet wurden. Ich habe sie gesehen, Tiger-Panzer mit Holzvergaser. Unglaublich. Die Wäscherei der Amerikaner wurde beheizt mit - Benzin! Die Gis bekamen kleine Zigarettenpackungen, mit je vier Stück Inhalt. Sie rissen sie auf, nahmen eine heraus und warfen sie weg oder, als sie merkten, dass wir uns danach bückten, uns gleich zu. Wir fühlten uns wie im Garten Eden. Und wir sahen, wie die Ausgabe der Verpflegungsrationen vor sich ging: Ein mit warmem Essen, viel Fleisch und Zutaten belegter Blechteller, man ging langsam weiter und kratzte alles, was einem nicht gefiel, in die bereit stehende Abfalltonne. Da lagen dann die Steaks neben Cakes. Erst versuchten wir, dieses schöne Essen zu retten - wurden aber daran gehindert, indem man uns bedeutete, uns auch mit anzustellen. Abfall blieb Abfall. Als der Inhalt aller Räume der Schule auf dem Loch ragte, stand der Colonel wieder auf der Matte: Ein neues Problem war entstanden. Aber auch das wurde gelöst: Wir bekamen den Auftrag einige 20-Liter-Kanister Benzin rundherum und obendrauf zu entleeren. Als ihm auch das zu langsam ging, denn die Kanister gluckerten ja nur leise vor sich hin, befahl er einen kleinen Tankwagen mit Pumpe und ließ alle mit Benzin besprengen. Ein brennendes Feuerzeug wurde auf den Haufen geworfen und mit einer kleinen Explosion stand der ganze Schul-Inhalt in Flammen. Wir waren sprachlos.
Drei Tage brannte es. Dann wurde der Colonel wieder ungeduldig. Nicht weil wir da überall nur herumstanden, immer aus seiner Küche mitverpflegt wurden, nein, weil es bei den Resten im Loch immer noch kokelte. Rief die gewaltige Baggermaschine übers Telefon, sie kam, schon mit einer Ladung des Aushubs, der auf der Straße lag und begann zu arbeiten. Nach zwei Stunden wurde der Schulhof nur noch schön geebnet und was übrig blieb, war das Loch in der Schulhofmauer. Ein weiterer Anruf und der LKW kam, der uns wieder dahin zurückbefördern sollte, wo wir hingehörten. Wir stiegen auf. Es war schon fast Abend. Wir hatten uns mit kleinen Vorräten und Etlichem aus dem Schulkram eingedeckt und ab ging´s. Nach gut zwei Stunden Fahrt, es war schon finstere Nacht, hielten die beiden Amis und bedeuteten uns, dass sie keine Lust mehr hätten Sie wollten schlafen. Und wir wollten nicht mehr stehen. Also leerte sich der LKW. Einige blieben oben, die anderen legten sich in den Straßengraben zum Schlafen. Gegen Morgen weckten uns die GIs und weiter ging die Fahrt ins Lager Kirchheim. Nicht einer von uns fehlte. Alle waren wieder aufgestiegen, was auch immer mit uns passieren sollte, wir wollten einfach nicht mehr, nicht mehr zurück in einen Krieg, den wir bis oben hin hatten. Aber das Erleben in der Klosterschule von Bad Hersfeld blieb in der Erinnerung.
Erlebnisse 1943-1944
Marinehelfer in Gotenhafen
1. Abschnitt
Und dort standen wir erst mal und mussten warten. Marinesoldaten liefen herum, fragten dieses und jenes und wussten wohl erst mal selbst nicht recht, was sie mit den "jungen Spunten" anfangen sollten. Das änderte sich aber bald. Wir mussten erfahren, dass wir von Maaten und Obermaaten umgeben waren, wir nahmen zur Kenntnis, das es Grauzeug und Blauzeug gab, denn wir waren wohl bei der Marine, aber bei der Marine-Flak. Dazu mussten wir wie richtige Soldaten aussehen, aber wenn wir "an Land" gehen durften, war Marineblau angesagt. Und wir wurden mit beidem eingekleidet. Natürlich unter Aufsicht eines Obermaaten. Jeder bekam nach einem prüfenden Blick auf die Figur etwas Graues und auch etwas Blaues hingeworfen, sollten alles in einen Seesack packen und uns "verziehen". Der Obermaat aber nahm vor allem das Blauzeug in Augenschein und betrachtete uns und das Übergebene kritisch. Vieles wanderte mit entsprechendem Kommentar wieder zurück zu dem Kleiderkammer-Maat. Ich bekam eine Hose, die viel zu lang war, musste sie aber trotz Protest behalten. Dann kamen wir auf der Halbinsel Hela, ganz an der Spitze, in ein Lager aus Baracken zur Ausbildung. Dort angekommen wurden wir sofort zum Schneider beordert, der Maß nahm: Das Stück Hose, was zu viel war, wurde abgeschnitten und als Keil vom Knie ab wieder eingesetzt. Nur so konnten wir uns als "Mariner" draußen sehen lassen. Der "Schlag" in der Hose, die unten dann mindestens bis zur Schuhspitze gehen musste, war eines der Zeichen, ohne das ein Mariner nicht "an Land gehen" durfte. Auch das blaue Hemd musste unbedingt so eng sein, dass man zwei Kollegen brauchte, um es anzuziehen. Einige von uns hatten sich sogar anlässlich eines Nach-Haus-Urlaubs Reißverschlüsse von der Mutter einsetzen lassen. - Da wir aber keine eigene Küche im Ausbildungslager hatten, mussten wir, angefangen vom morgendlichen Kaffee bis hin zur Abendverpflegung alles aus dem benachbarten Marine-Straflager holen. Dahin führte durch den Wald eine kleine Lorenbahn mit Kippwagen, allerdings ohne bremsen. Daher musste man beim Zurückfahren mit Zweigen versuchen, den kleinen Zug, bestehend aus drei Wägelchen, scharf abbremsen. Einmal brach mir der Zweig und in einer Kurve landete unsere Morgenverpflegung auf dem Waldboden. Die Mischung der Marmelade mit Tannennadeln und Moos war nicht in unserem Sinne. Aber da auch die Unteroffiziere aus den selben Gefäßen ihr Essen bekamen, wurde uns das mehr als verdient spürbar gemacht. Wir lernten zum ersten mal den Schliff kennen, der noch dadurch akzentuiert wurde, als dass wir als die "Intelligenzbestien" und "Abiturkerle" verschrieen waren.
Die Fahrten zum Straflager waren für uns sowieso immer ein schauerliches Erlebnis, denn fast jeden Morgen fuhren wir im Eingang zu dem Straflager blutigen Pfählen vorbei. Standrechtliche Erschießungen fanden fast jeden Tag statt! Einer der Maate erzählte uns, dass auch der Kapitänleutnant Prien dort erschossen worden sei, weil er seine U-Boot-Mannschaft nach einer mehrmonatigen Feindfahrt wider den ausdrücklichen Befehl der Admiralität in Urlaub geschickt hatte. - Unsere Ausbilder ließen uns auch ihre geistige Distanz zu ihnen ständig spüren. Die Dünen auf Hela waren hoch und wir wurden bei Hochsommerlichen Temperaturen rauf und runter gejagt. Als einem der "Ausbilder" einfiel, uns dies auch mit Gasmaske machen zu lassen, klemmte manch einer seine Finger unter den Haltegurt, um mehr Luft zu holen, als über den Filter. Einer meiner Schulkameraden musste bei einer dieser Übungen mit einem Lungenriß ins Krankenhaus. Ein anderer stolperte einmal und rutschte rückwärts die Düne herunter. Unten angekommen brüllte der Maat ihn an, befahl ihm, sofort noch mal die Düne hoch zu laufen und oben zu schreien: "Mit mir hat die Marine einen Fang gemacht." Er schaffte es tatsächlich und oben angekommen schrie er aus vollem Hals: "Mit Ihnen hat die Marine einen Fang gemacht, Herr Obermaat!" Er musste sich mehrere Nächte alle halbe Stunde vor der UVD-Stube in voller Montur melden. Wir aber hatten uns köstlich amüsiert. Als die "Ausbildung" zu Ende war - wir hatten noch kein Geschütz gesehen, sondern waren nur "geschliffen" worden - denn man wollte uns ja zeigen, wie´s echt bei der Marine zuging und wollte "richtige" Mariner aus uns machen - kamen wir in eine Batteriestellung bei Oxhöft. Sie war bestückt mit 8,8 cm Flakgeschützen, 4-lings 3,7 , einem Scheinwerfer und dem Leitstand. Wir wurden als "Intelligenzler" zur Leitstandbesatzung geordert.
Erlebnisse 1943-1944
Marinehelfer in Gotenhafen
2. Abschnitt
Nachts wurde häufig Alarm gegeben, dann sprangen wir aus unseren Kojen - Dreistock-Betten - und rannte in die Stellung. Es war oft ein Wettrennen. Wer als erster die Leitstand-Luke aufmachte hatte gewonnen. Obwohl alle über die Sirene die gleiche Ausgangssituation hatten und wir sicher nicht die Langsamsten waren, machte meist der "kleine Aulenkamp" als erster die Luke auf. Aber nachts war meist nur Alarm ohne dass die Batterie in Anspruch genommen wurde, Immerhin war Gotenhafen rundherum mit Flakbatterien besetzt, weil der Hafen voll lag mit "verwundeten" Kreuzern, ganze Flottillen mit Zerstörern und ein wenig weiter weg auch U-Boote und eine TVA, die Torpedo-Versuchsanstalt. Dafür kamen aber einige Male die englischen Lightnings, ein Doppelrumpfflugzeug, die ihre Bomben irgendwo auf deutschen Küstenstädten abgeladen hatten und nun zum Auftanken nach Russland flogen. Dann wussten wir, dass wir "dran" waren. Sie kamen tief übers Wasser fliegend und schlugen kurz vor der Steilküste einen eleganten Haken nach oben. Dann überflogen sie uns im Tiefflug und beschossen aus allen Rohren unsere Stellung. Da wir niemals so schnell reagieren konnten, drehten wir alle Geschützrohre schon beim Anflug in 180° , um hinterher zu schießen. Einmal stand ich neben dem Batterieoffizier auf dem Leitstand, wir konnten uns wohl ducken, aber den Batteriechef hatte es am Oberschenkel erwischt, er sackte zusammen. So, wie wir es gelernt hatten, sagte ich ins Mikrofon, dass ich jetzt seinen Posten übernommen hätte, wurde aber, als man feststellte, dass da "ein anderer" die Batterie führte, nach ´ner halben Stunde abgelöst von einem der Feldwebel. Am anderen Tag erhielt ich während des Mathe-Unterrichtes den Befehl, zum Chef zu kommen. Er beförderte mich zum "Marine-Oberhelfer" und meinte, ich sei sehr tüchtig gewesen. Diese Beförderung wurde damit dokumentiert, dass man auf den Ärmeln des Kollanis - wie die Marinejacke hieß - eine 1 mm-breite goldene Litze befestigen durfte. Ich hab´s aber gleich übertrieben: Ich nähte mir 1 cm breite goldene Streifen drauf und hatte damit das Vergnügen, dass mich viele Dienstgrade grüßten, wenn ich mal im Urlaub mit meiner Mutter abends zum Kino ging: Für die einfachen Dienstgrade war ich ja damit ein "Leutnant z. See"...
Erlebnisse 1943-1944
Marinehelfer in Gotenhafen
3. Abschnitt
Ja, und da war noch die Geschichte mit dem Besuch. Es war wohl so gegen 9 oder 10 Uhr an einem Vormittag. Am Posten zum Batterieeingang fuhren zwei PKWs vor, besetzt mit ranghohen Marineoffizieren. Es waren wohl so an die 6 oder 7 Besucher, der Posten salutierte und machte Meldung. Dann stürzte er in sein Wachhäuschen und meldete den hohen Besuch dem Batteriechef. Die beiden Wagen fuhren weiter bis auf den Platz, um den herum die Baracken standen. Der Chef mit allen verfügbaren Unteroffizieren kam im Laufschritt zur Begrüßung, machte auch seinerseits Meldung. Einer der Kapitäne oder Admiräle dankte und wünschte, die Geschützstellung zu besichtigen, auch einen sogenannten "Anlauf zur Probe" zu sehen, also alles so, wie sich eine Marineflak-Stellung im Ernstfall verhielt. Dem Wunsch wurde entsprochen, es wurde Alarm gegeben und in ein paar Minuten stand jeder auf seinem Platz. Ich saß als E-Messer vor meiner Optik und die hohen Herren hinter mir. Einer fragte etwas, ich antwortete genau und ehrfürchtig. Das Ganze dauerte vielleicht eine Stunde, dann verabschiedeten sich die hohen Herren und grüßten noch mal rundherum und auch den Posten, an dem sie vorbeifuhren, und verschwanden wieder. Irgendwann im Laufe des Nachmittags, einer meiner Schulkameraden saß am BÜ, kam eine Eil- und Alarmmeldung. Inhalt etwa: Auf dem Transport zu einem Offiziergefangenenlager für englische Offiziere waren ein gutes Dutzend aus dem Bahnwaggon entkommen, hatten sich unterwegs einen kleinen LKW, der mit Marineausrüstungsgegenständen, auch Uniformen, beladen war und man sei jetzt auf der Suche nach den Entflohenen. Es sei höchste Alarmstufe geboten, denn es werde vermutet, dass sich einige von ihnen zu Spionagezwecken als deutsche Offiziere verkleidet hatten und ... man wisse nicht, wie und wo sie auftauchen würden. Sie seien sofort festzunehmen. Als Hinweis - nur einer von ihnen würde ein akzentfreies Deutsch sprechen. Diese "tollen Hechte", wie wir sie bezeichneten, hatten uns besucht, dem gut deutsch Sprechenden hatte ich fein säuberlich alle gestellten Fragen beantwortet. Wie unser Batteriechef diesen Besuch seinem Abteilungskommandeur verklickert hat - ich weiß es nicht. Ganz ohne Konsequenzen ist es aber nicht abgegangen, denn er wurde bald abgelöst. Für uns "Jungs" war es ein unvergessliches Erlebnis.
Erlebnisse 1943-1944
Marinehelfer in Gotenhafen
4. Abschnitt
Ein Leiden aber hatten wir: Läuse! Wir wohnten ja in Holzbaracken, die ihrerseits auf einer Balken und Betonkonstruktion standen, also etwa 20 cm über dem Erdboden. Selbst aber dieser Abstand schien die Viecher nicht davon abzuhalten, uns immer wieder aufzusuchen. Jedes halbe Jahr wurde dann "entlaust". Alle Lebensmittel, soweit vorhanden, mußten rausgeräumt werden - wir bekamen ja auch Pakete von zu Hause - der gesamte Rest blieb in den Stuben. Dann wurde gegast. In den Räumen und auch unter den Baracken. Nach ein paar Stunden durften wir wieder einziehen, lüften und uns auf eine kurze lauslose Zeit freuen. Aber es dauerte jeweils nicht lange, dann waren sie wieder da. Und wir konnten sogar unsere Naturkunde-Kenntnisse ( damals wurde die Biologie so genannt ) ergänzen, denn Läuse haben, so konnten wir feststellen, nicht Lust auf jede Art menschlichen Blutes. Mich hat beispielsweise nie eine Laus gebissen. Einige Schulkameraden von mir machten nachts Jagd auf die Tierchen, die ihnen schon einige Tropfen abgezapft hatten und heftig juckende Einstiche hinterließen. Mich hat keine Laus gebissen. Ich konnte sie sogar mit der Taschenlampe in der Hand fangen und sie in ein kleines Gefäß befördern. Wir bekamen nämlich für 100 Läuse 1 Tag Sonderurlaub! Damit sollte die Anzahl der Läuse wohl reduziert werden, damit nicht schon nach kurzer Zeit wieder "entgast" werden musste. - Die Betten in den Barakken standen dreifach übereinander, was für die obersten Etagen - ich hatte das Glück ein solches zu bewohnen - bei Alarm einige Akrobatik verlangte. Denn bei Alarm durften wir kein Licht anmachen und es verlangte schon einige Geschicklichkeit, aus der dritten Etage heil auf den Boden zu kommen, die richtigen Klamotten in der richtigen Reihenfolge zu erwischen und dann im Sturmschritt in die Batterie zu laufen. Tatsächlich haben wir damals die Zeit als Marinehelfer kaum als "militärischen Einsatz" empfunden. Es war vielmehr eine Reihe von Pflichtübungen: Vormittags Schulunterricht zur Vorbereitung auf das Abitur mit Lehrern, denen man die Unlust am Gesicht ablesen konnte. Nachmittags dann "Infanteriedienst" oder aber "Batteriedienst". Beim Infanteriedienst wurde uns beigebracht, wie wir uns im Gelände zu bewegen hatten, wurden angeschrieen und mit aufgeklapptem Bajonett einen nicht existierenden Feind anzugreifen. Dazu hatten wir italienische Gewehre, bei denen das Bajonett mit einem Federknopf gegen Aufklappen gesichert war oder aber, wenn das Gewehr wieder in den Normalzustand versetzt werden sollte, am Schaft gehalten wurde. Ich hatte einmal das Pech, dass mein Bajonett aus dem ausgeklappten Zustand während eines simulierten Angriffs abklappte und ich beim Zustechenwollen meinen Stiefel erwischte. Durchs Leder und nahe dem rechten großen Zeh durchs Fleisch und dann die Sohle durchbohrte. Die Dinger waren ja spitz und obendrein dreikantig. Die Wunden heilten sehr langsam. Mich wollten sie dann auch noch wegen "Wehrkraftzersetzung" und "Selbstverstümmelung" rankriegen, aber mein Obermaat stellte dann doch den Defekt meines Gewehres fest. Ich musste wohl am Schulunterricht teilnehmen, durfte aber dem nachmittäglichen Dienst für eine Woche fernbleiben.
Erlebnisse 1943-1944
Marinehelfer in Gotenhafen
Letzter Abschnitt
Eines Tages, es war wohl im letzten Viertel Jahr 1944, kamen zwei Ereignisse, die für uns wieder eine Änderung bedeuteten: Wir erhielten unsere Not-Abiturzeugnisse! Einfach so. Ohne Prüfung und von Lehrern, die nur deshalb nicht eingezogen worden waren, weil sie zu alt waren. Und kurze Zeit später wurden wir "entlassen", weil wir erst nach Hause und dann zum Reichs-Arbeitsdienst, genannt RAD, mussten. Obwohl Krieg war, wurde die Reihenfolge, als Zwischenstufe zur Wehrmacht, strikt eingehalten. Als Erinnerung nur noch dies: Ende 1944 wurde die ganze Gegend um Gotenhafen und Gotenhafen selbst von den anrückenden Russen eingekesselt und eingenommen. Aus dem Kessel sind nur ganz wenige Deutsche Soldaten lebend herausgekommen. Von der Batterie in Oxhöft-Spitze blieben, wie wir erfahren haben, nur drei Mann übrig! - Und beim Arbeitsdienst brachte man uns zum zweiten mal das "Bettenbauen" bei und das "Vorbeimarschieren in gerader Haltung", jetzt aber mit präsentiertem Spaten! Ich hatte das Glück, als "Kurier" zwischen nahe gelegenen Lagern des Arbeitsdienstes - auch einigen mit weiblichen Dienstlerinnen! - mit einem Kleinmotorrad, denn ich hatte ja meinen Führerschein bei der HJ erworben, zu fungieren. Zu Hause war ich dann nur noch drei Wochen, bekam meinen Gestellungsbefehl zum 13. Dezember 1944, dem Geburtstag meiner Mutter.
Das war Kreuznach 1945
Vielleicht sollte man doch mal davon sprechen ....
Sie sammelten die Deutschen ein, weil sie Angst hatten. Angst vor allem vor dem Werwolf, von dem selbst die Deutschen noch nicht einmal richtig wussten, was damit gemeint war. Angst vor der regulären Truppe, Angst vor einem Volkssturm und Angst vor den Jungs in HJ-Uniformen, denen man Panzerfäuste in die Hände gedrückt hatte. Sie wussten nur, auf welchen Knopf sie drücken sollten, damit das Ding losging. Auf amerikanische Panzer sollten sie zielen, hatte man ihnen gesagt. Erst 15 oder 16 waren sie. Die Amerikaner sammelten alles ein, Alte Herren, denen man den Karabiner 98k in die teilweise zittrigen Hände gedrückt hatte, Marinehelferinnen, weil sie Uniformen trugen, Luftwaffenhelfer, weil auch sie hinter den 4-lings-Flaks gestanden hatten, ja, sogar Polizisten und Förster, weil sie unbekannte Uniformen trugen.
Auch die Amerikaner hatten den Krieg satt und meinten, wenn sie alles, was irgendwie nach "wehrhaft" oder "wehrfähig" aussah, erst mal eingefangen und in Lager gesteckt hatten, sei die Gefahr, irgendwie überrascht zu werden, geringer. Und so kamen viele zig-Tausende zusammen, die erst mal, wie sie es von den Ranchen her kannten, zusammengetrieben wurden. Und sie sammelten alles ein, obgleich sie dann Probleme mit der Bewachung, der Unterbringung und der Versorgung bekamen. Sie waren vorbereitet auf´s Kämpfen, auf die Bedienung ihrer Waffen, auf das Fahren ihrer Panzer und auf taktische Aufgaben. Jetzt aber hatten offenbar auch die Deutschen die Nase voll und wollten den Schlamassel, den sie viele Jahre mit ertragen mussten, nicht mehr mitmachen. Sie hoben die Hände und warfen die Waffen weg. Die "Sieger" aber kannten sich nicht aus mit der Organisation von Kriegsgefangenenlager, die jedes normale Maß an Größe überschritten. Erst mal transportierten sie die deutschen Kriegsgefangenen mit ganzen Pulks von LKWs auf verfügbar gemachte freie Flächen in freier Natur und dann rein in den naß-kalten April 1945.
Den gepflegten Feldern war schon nach einem Tag nicht mehr anzusehen, daß hier mal Wein geerntet wurde. Alles war ausgegraben, abgerissen, auch die kleinen Werkzeughütten waren zu Brennholz oder zu etwas verarbeitet, das irgendwie zu etwas nützlich sein konnte, auch als Schutz dienen konnte. Schutz - wovor? Menschen in dieser Verlassenheit sind sich selbst immer die Nächsten. Und brutal zu anderen. Kameradschaft - was ist das?
Nur einige Shermans, die amerikanischen Panzer, umfuhren das Gelände. Etliche der Kriegsgefangenen wurden rausgesucht und dazu kommandiert "let´s go - let´s go" mit Drohgebärden, und ständigem Fuchteln mit den MPs, Gruben auszuheben für die Fäkalien. Scheißgruben mit Donnerbalken. Riesige rechteckige Löcher, etwa 3 Meter tief. Die Exkremente der Tausenden mussten ja irgendwo hin. Nicht einfach in die Gegend, wie´s zu Anfang war. Irgendwo wurde dann auch ein Zelt aufgestellt. Ein Zelt! Da drin richteten die Amis eine Küche ein. Und ein zweites Zelt kam daneben - für Vorräte. Auch ein großer Wasserwagen wurde aufgestellt. Trinkwasser. Meist aber war der kurz nach dem Füllen wieder leer. Der Rest des ganzen Gebietes war nach kurzer Zeit eine Schlammwüste. Durchgewalkt von abertausenden von Stiefeln, Schuhen, manchmal auch nur von bestrumpften Füßen. Und es regnete.
Nach und nach wurden wir wohl an die hundertvierzigtausend, Offiziere, Unteroffiziere - kurz - Menschen, auch die HJ-Jungs und "Helfer" zählten dazu. Vorsorglich wurden wir alle mit PW bemalt - Prisoner of War. Langsam bekamen wir Hunger und Durst. Wir hatten kein Dach über dem Kopf, um uns vor dem eiskalten Regen zu schützen. Keine Decken, keine Medikamente. Die Amerikaner scheiterten einfach daran, uns alle, Kriegsgefangenenmassen, zu ernähren, ja, uns sogar am Leben zu erhalten. Sie wurden nervös, reagierten nicht mehr normal. Bald hing über der Latrine, dicht am schnell errichteten Stacheldraht-Verhau, angestrahlt von Scheinwerfern, Tag und Nacht, ein Pesthauch.
Und wir? Eine kleine Gruppe, eingefangen in der Nähe von Molchsleben, einem kleinen Dorf in Thüringen, so zwischen Gotha und Erfurt. Wir kannten uns nur vom Sehen, vom Zusammen-gewürfelt-werden. Wie sollten wir uns "ein Bett" machen? Mit einem Löffel und ein paar leeren Blechbüchsen. Also wurde kräftig gebuddelt. Was wir nicht bedacht hatten, war der Regen, der immer wieder einsetzte. Die Löcher, in denen wir erst mal geschlafen hatten, und weiter schlafen wollten und die uns Schutz - vor was eigentlich ? - gegeben hatten, wurden feucht. In manchen sickerte das Wasser nicht mehr ab. Morgens um vier standen wir dann mit hoch erhobenen Armen und meinten, so unsere Klamotten trocknen zu können. Wie Vogelscheuchen. Und immer wieder Regen. Immer mehr Löcher liefen voll Wasser. Die Erde rundherum war aufgeweicht. Jeden Morgen lag irgendwo einer tot in der Matsche, in seinem Loch. Hatte nicht mehr aufstehen können. Kälte, Nässe und Hunger waren die Ursache, daß viele starben. Zwar gaben sich die Amis alle Mühe, Essen zu verteilen. In Büchsen. Jeder bekam eine am Tage. Aber es reichte nicht vorn und nicht hinten. Es wurde immer weniger. Manch einer fluchte und stöhnte, weil er keine Zigaretten hatte, auch keine bekam. Auch das Wasser reichte oft nicht einmal für einen Tag, obwohl manche meinten, den Regen als Ersatz zu nutzen. Koliken brachen aus. Die Scheißerei brach aus. Der Donnerbalken war ständig besetzt. Wieder starben die Schwächsten reihenweise. Und die Amerikaner bekamen eine neue Angst: Sie fürchteten den Ausbruch von Krankheiten und das Übergreifen auf sie selbst. Die Nervosität stieg.
Und dann waren da die kleinen Ungereimtheiten. Wohl aus Versehen oder aus reiner Gedankenlosigkeit ohne böswilligen Hintergrund, fand jemand seinen Löffel, seine Büchse nicht gleich wieder. Er schrie "Ein Dieb, ein Dieb! Ich bin bestohlen worden!" Und schon geiferten alle, weil´s ja jetzt ein nicht mehr alltägliches Geschehen gab, endlich passierte etwas, schrieen "Kameradendieb - faßt ihn.." Ob es nun der wirkliche Verursacher oder ein völlig Unbeteiligter war - egal - man hatte ihn, einen! Schnell wurde das auch auf ein Pappschild gemalt. Er wurde durch´s Lager geprügelt. Es war etwas, an dem sich alle beteiligten. Schließlich wurde er - die Amerikaner versuchten es hier und da zu verhindern - in die "Scheißgrube" gestürzt, in der er jämmerlich erstickte. Einige von uns wurden dazu bestimmt, ihn wieder raus zu holen. Als ich auch mal dazu gehörte, stank ich noch einige Tage und keiner wollte mit mir in der Schlange nach Wasser oder nach der Büchsenverteilung stehen. Der Tote kam kam dann in´s Leichenzelt - zu den anderen, die jeden Tag abgefahren wurden. Wir haben nie erfahren, wohin die Toten kamen.
Verzweiflung, Schrecken, Neid, Böswilligkeit und Brutalität. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und miterleben müssen: Ein hochdekorierter Feldwebel hatte sich ein Feuerchen aus Pappresten machen können, um seinen Kaffee-Becher drüber zu halten. Aus Versehen kam jemand bei dem Gedränge oder aus einer Gruppe, die gerade zusammenstand, an seinen Becher. Der Kaffee verspritzte. "Paß´ doch ein bißchen auf" , meinte der an seinem Feuer Hockende, aber schon wurde aus der Gruppe gejohlt. "Ihr habt uns lange genug herumkommandiert, Arschloch!" - Und: "Jetzt hast du uns endlich nichts mehr zu sagen." Sie stießen ihn an, prügelten schließlich auf ihn ein, sie brüllten laut und ließen ihn liegen. Er blutete. Als er sich nicht mehr erhob sagte einer: "Der ist hin - Scheißkerl, der." Viele haben sich ihre Rangabzeichen entfernt, um dies nicht - aus reinem Zufall - auch zu erleben. -
Ältere starben zuerst. Hatten zu wenig Widerstandskraft. Erkältungen waren´s, körperliche Schwäche durch unzureichende Nahrung und ganz einfach bloße Lethargie, Teilnahmslosigkeit, Verzweiflung. Zu Tode geprügelt wurde wegen Kleinigkeiten. Schon beim Anstehen am Trinkwassertank ging´s los. Es wurde gestoßen, gerempelt und angepöbelt wegen Nichtigkeiten, die aber in dieser Situation von ungeheuerer Bedeutung waren. Und die "Verpflegung"? Die eine Büchse aus den amerikanischen Depots, Ration A. Und wenn´s nicht schnell genug ging, wurde zugeschlagen. Und es regnete weiter. Am Stacheldrahtzaun stand manch einer, der zufällig aus der Gegend war und versuchte etwas zu den Zivilisten rüberzurufen. "Sag´ Bescheid, ich lebe noch...." Die Amerikaner verwehrten es brutal. Schossen von den schnell inzwischen errichteten Wachtürmen, erst in die Luft und dann gezielt. Nicht nur einzelne Schüsse, nein, mit ihren MPs ganze Salven. Manchmal auch ... only for fun ... und um den Deutschen Angst einzujagen. Wenn die dann auseinander liefen, lachten sie und freuten sich, wenn sie die goddamned Krauts laufen sehen konnten. Manch einer lockte einen der amerikanischen Posten an den Stacheldraht, um sich Zigaretten oder etwas Essbares einzutauschen. Gab seinen Ehering dafür durch den Stacheldraht. Für ´ne Schachtel Chersterfield. Und dann fielen auch mal wieder Schüsse. Keiner wußte warum. Die Amis waren nervös, brüllten herum. Auch die Panzer kamen wieder und umkreisten das Areal. Manchmal wachten wir, sofern wir wirklich einmal eingeschlafen waren, durch das Klirren der Sherman-Panzerketten auf. Wer dieses Geräusch gehör hat, vergisst es nicht mehr. -
Wenn wir gemeint hatten, der Krieg sei für uns aus - wir konnten uns nicht vorstellen, wie es sein mochte, dass es keinen Krieg mehr gab. Ich war 18 Jahre alt.
Ein Raststellen-Gespräch über den Juni 1945
Sie hatten schon eine ganze Weile zusammengesessen. Draußen standen ihre Fahrzeuge. An einer Tankstelle der Autobahn A7. Einer beladen mit Umzugsgut, der andere voll bis oben hin mit abgefahrenen Auto-Reifen. Sie kannten sich nicht, saßen einfach nur an der Theke. Gerade hatten sie ihre LKWs betankt. Jetzt stand ein Glas ein Bier vor ihnen. Ein Schluck vorm Weiterfahren. Sie rauchten und sprachen vom Sauwetter, dem Nebel, ihren langen Fahrzeiten und verrückten Rasern. Irgendwie kamen sie auch auf den schon fast vergessenen Krieg zu sprechen. War ja auch schon lange her. Fast 40 Jahre. Plötzlich fragte der Blonde: " .....und dann bist du von dort ...." , - "Nein, nein, das war so..." fing der mit dem grauen Bart an "....eigentlich sollten wir, so hatte man uns gesagt, in einem langen Güterwagen-Zug nach Osten zum Wiederaufbau, transportiert werden. Nach Pommern oder so. Immer hundert Gefangene, abgezählt und dichtgedrängt in den offenen Waggons. Als es Nacht war sah sich einer von uns den Himmel an. Offenbar verstand er was davon und meinte: "Wir fahren ja gar nicht nach Osten - nee, nee, es geht nach Westen". Schließlich wurde es sogar Nordwesten. Meinte er. Und nach fast drei Tagen waren wir in Frankreich, in der Bretagne. In Rennes. - Mensch, als wir da rein fuhren, über die vielen Zubringergeleise des Bahnhofs, standen da die Franzosen reihenweise und grölten, drohten mit den Fäusten. Die hatten wohl mitbekommen, dass da Boches in den Waggons waren. Was meinst Du, was da plötzlich los war! Die warfen mit Steinen und dicken Schrauben, so wie sie in den Eisenbahnschwellen verwendet werden. Wollten die langsam rollenden Waggongs stürmen. Wir mussten uns ducken. Und die Amis? Ja, wirst es kaum glauben, aber die haben erst in die Luft, dann aber dazwischen geschossen! Die haben uns regelrecht beschützt - wirklich wahr! War ´n tolles Erlebnis, werd´ ich nicht vergessen. Waren erste Eindrücke von den Franzmännern. Ich hab´s nicht verstanden damals, war wohl noch zu jung dazu."
Der Graubart nahm einen Schluck aus seinem Glas, steckte sich eine Zigarette an und fuhr fort: "In Rennes war ein großes Lager eingerichtet worden." Der Blonde fragte: " Warum nur das da oben in Frankreich?" - "Ja" , meinte der Graubart, "noch´n Jahr davor wurden alle Transportschiffe, die Kriegs-Material von den USA nach Europa brachten, auf der Rückfahrt mit deutschen Kriegsgefangenen beladen, dann wurden sie nicht angegriffen von den deutschen U-Booten. Die machten Jagd auf die Liberty-Ships, das waren ihre Frachter, mit denen die Amis den ganzen Kriegskram nach Europa schafften. Aber sie wollten natürlich keine Schiffe versenken, von denen sie sahen, dass alle Decks mit deutschen Gefangenen belegt waren. Die waren da oben wie Aushängeschilder postiert. Klar, dass die Amis damit rechneten, dass sie keiner angriff. Um diese aber Zeit reichte die Kapazität der Schiffe nicht mehr. Zuviel von uns hatten die Hände gehoben, wollten die Scheiße nicht mehr mitmachen. War ja sowieso alles aussichtslos. Vier Jahre Krieg war einfach genug. Alle hatten die Schnauze voll. Keiner wollte sich mehr erschießen lassen. Für was auch? Und so kamen da oben in Rennes so an die 60.000 Menschen zusammen." Wieder war ein Schluck fällig.
"Und dann?" fragte der Blonde wieder und steckte sich auch einen Glimmstängel zwischen die Lippen, ließ das Feuerzeug schnipsen. Der Graubärtige erzählte weiter: "Das Lager wurde organisiert wie eine Stadt. Eingeteilt in Vierteln, mit Straßenzügen. Dazwischen die Amis mit MPs. Und viel Stacheldraht. Rundherum und zwischendrin. Die Amis nannten sie cages. Große Zelte waren aufgestellt worden. Immer 50 ehemalige Landsern drin, bunt durcheinander. Alle Dienstgrade, jetzt aber waren wir einfach alle nur prisoners of war. Auf dem Rücken aufgepinselt ganz groß und weiß PW. Nur die Offiziere lebten irgendwie separat. Wir hatten ja nur das Wenige, was uns übrig geblieben war. Brotbeutel, ein paar Fotos, Löffel, vielleicht eine Gabel, auch Trinkbecher, und die abgetragenen Uniformen. Hier und da fehlte schon ein Knopf. Manche hatten auch noch leere Blechbüchsen, in denen einmal amerikanische Verpflegungsrationen - wir kannten sie nur als Ration A - waren. Sonst hatten wir nichts." -
"Noch´n Bier", orderte der Blonde. Und dann: "Weiter, Mensch Mann, erzähl´ weiter...". - "Na, gut, wir hatten vor allem nichts, was den Amerikanern gefährlich werden konnte. Jedenfalls nichts, wovon sie meinten, dass die damned Germans, fucked Krauts, ihnen doch noch etwas hätten antun können. Hatten wohl alle noch Schiß vorm Werwolf. So´ne Fantasiegestalt wohl, von der wir selbst aus dee Schule nur wußten, dass schon die Skythen und der olle Grieche Herodot meinten hieß, es sei ein Mann , der zeitweise Wolfsgestalt annehmen kann. War wohl das, was damals als Volkssturm bezeichnet wurde, als letztes Aufgebot gewissermaßen. Waren lauter Oldis drin versammelt. Na, und die Amis meinten, dieser Werwolf existiere wirklich, und dass er wie der Teufel in die Deutschen gefahren sei. Und das saß auch wohl noch tief in ihren Hirnen. Also für uns - keine Messer, nichts Spitzes. Werkzeug schon gar nicht, auch sonst nichts, was irgendwie nach Hinterlist oder Gefahr aussah."
Der Blonde bekam sein Bier, nahm einen tiefen Zug und drängelte: " Weiter, Mensch, erzähl´ weiter. Was war dann?" - "Nun, wann es begann, wusste eigentlich keiner mehr. Weder die Landser, noch die Amis. Aber als einmal eines der Lagerteile aus hygienischen Gründen umgesiedelt wurde, passten die Wachen auf, dass nichts mitgenommen wurde. Was eigentlich? Aber sie entdeckten aus dürren Ästen geschwärzte Stöcke. Gebastelt aus Langeweile. Teilweise hübsch anzusehen. Ein kleines Feuerchen aus Pappe und kleinen Holzabfällen hatte genügt, den Stöcken ein schwarzes Aussehen zu geben. Mit scharfen Steinen wurden Muster eingeschnitten, eingeritzt. So entstanden dann helle Verzierungen. Fast weiß. Den Amerikanern gefielen das. Sie wurden confiscated. Als souvenir from Germany - in memory, gewissermaßen. Und da sie keine Gefahrenquelle in der Produktion dieser Andenken sahen, hatten sie auch keinen Grund, Verbote zu erlassen - im Gegenteil!"
Der Graubart schüttelte in Erinnerung daran den Kopf. "Wie wir das Feuer gemacht hatten, so einfach ohne Streichhölzer, ohne Feuerzeuge - danach hatten die Amis nicht geforscht. Na, und um diese Zeit begann wohl auch das Klopfen. Plötzlich entstanden Spazierstöcke mit einem Knauf aus Zinn. Toll! Wohlgeformt und fast, wie gegossen. Wie unsere Spezialisten das gemacht hatten? Die amerikanischen Bewacher waren begeistert als sie das sahen. Klar, dass nun häufiger resettlements angeordnet wurden. Und woher kam das Zinn? Woher das Feuer? Aber es wurde noch interessanter. Es entstanden sogar Messer!" Der Bärtige tat etwas gegen seinen trockenen Mund, schlürfte gierig ein paar Schlucke und fuhr fort: "Über viele Tage hatten ein paar ganz Schlaue, fast wie Erfinder, geduldig Einzelstücke aus den Stahlfedern gebrochen, die in den Gestellen befestigt waren, auf denen die Strohsäcke zum Schlafen lagen. Solange wurde hin und her gebogen, bis man ein handlanges Stück hatte. Und daraus wurden Messer geklopft" - " Das war ja wie bei den Urmensche," meinte der Blonde. "Klar," sagte der Graubart, "mit Steinen auf Steinen. Und sie wurden auch geschliffen. Auf Steinen. Mit Steinen. Bis die Dinger rasiermesserscharf waren. Dann fehlte nur noch ein kleiner Handgriff. Aber dafür war Zelt 27 zuständig. Da arbeiteten die "Holzwürmer". Diese Einteilung in unterschiedliche Bearbeitungs-Teams kam allen zugute. Es wurde wie in echt bezahlt und getauscht." - " Mensch, wie im Mittelalter! Und das Zinn?" - " Nun - die Amis hatten zu der Zeit Ration-C-Büchsen, die zugelötet waren. Auch innen waren sie damals noch verzinnt. Auch viele andere Büchsen, die auf den Küchenabfall-Bergen lagen, wurden gesammelt. Und dann wurde das wenige Zinn über dem Feuer in winzigen Kügelchen abgeschabt und gesammelt. Wurde größer und größer. Tröpfchen kam zu Tröpfchen und wurde zu Tropfen." Der Blonde schüttelte den Kopf: " Ist das wirklich wahr?" - "Ja, was meinst du, so was gibt´s noch nicht mal im Krimi. Sollte doch wohl mal´n Film von gedreht werden ... Jetzt brauch´ ich aber auch noch´n Bier!"
Als das Bier kam, nahm er erst mal einen tiefen Schluck, wischte sich mit dem Handrücken über den Bart und erzählte weiter: "Das Zinn wurde geformt mit kleineren Messerchen, mit Steinen, die als Abdruck dienten, weil sie so aussahen, wie ´ne Nase oder´n Flügel. Löwen- oder Adlerköpfe entstanden oder Antikes wurde nachgebildet. In allen Cages wurde gearbeitet. Geklopft. Mann, wir hatten kaum Zeit, zum Gottesdienst zu gehen. Da waren ja auch Berufsköche, die vor dem Rezepte zum Mitschreiben auf Toilettenpapier diktiert hatten, die hatten jetzt keinen Zulauf mehr. Man musste ja Termine erfüllen. Und die wurden diktiert vom nächsten Wechsel in einen anderen Lagerteil. Dort standen am Tor dann die GI´s und filzten, suchten nach den besten Stücken. Sie gaben dann auch Zigaretten dafür."
Jetzt war wieder ein Schluck fällig. "Aber die Amis waren geduldig. Sie wussten ja, dass ein zu schneller Wechsel zu wenig Erfolg brachte. Und schließlich wurden ihre Lieferanten ja auch gerissener. Sie versteckten ihre Produkte unter den Uniformjacken, direkt auf der Haut. Wollten ja auch, für den Fall einer Entlassung, selbst was mit nach Hause bringen. Vielleicht sogar handeln... ? Zu Hause auch Zigaretten eintauschen?" Der Blonde bohrte: "Und das Feuer?" - "Na, da hatten sich wohl die Physiker und Archäologen, Ethnologen, Handwerker und Ingenieure, auch Studenten unter uns, zusammengetan. Nachempfunden, was vormals schon dem Neandertaler, oder den Leuten von Cromagnon eingefallen war. Da wurden dürre Hölzchen auf einem Stein mit etwas Zunder, zwischen den Handflächen schnell hin und her gedreht. Irgendwann entstand so viel Wärme, dass sie in Glut umschlug. Hätte ich vorher auch nicht gewußt. Obwohl - in der Schule hab´ ich mal sowas gehabt. Ist ja auch eigentlich ganz einfach. ´N bißchen mühselig zwar, aber Zeit war ja genug da. Und viele Kartons zum Verbrennen auch. Alle waren begeistert vom eigenen Tun. Vom Überhaupt-etwas-tun-können." - "Klar, meinte der Blonde, "waren ja alle arbeitslos," beide lachten.
Der Graue erzählte weiter: "Dabei hatten wir alle ganz übersehen, dass der Krieg schon längst vorbei war. Es war Juni 1945. Bei uns in Rennes aber wurde erfunden, konstruiert und geforscht. Gehandelt und getauscht. Das war natürlich was für die Amis. Die hatten ja auch Langeweile. So langsam lernten sie ihre Krauts von ´ner anderen Seite kennen. Die machten für sie in Serie die tollsten Andenken. Mit Mitteln des frühen Mittelalters, aus Nichts. Und alles für Zigaretten - das war das offizielle Zahlungsmittel im Lager. Ich kann mich noch dran erinnern, dass ein amerikanischer Major mal meinte ".... it is inconceivable, unintelligible what they are doing ….. sometimes we are feeling terrible frightened and alarmed…."
Der Graubart nahm einen kräftigen Schluck und sagte noch: " Wir selbst hatten ja keine Ahnung von unseren Fähigkeiten, hatten uns eigentlich ja nur die Zeit vertrieben. Erst viel später, als ich - und sicher auch viele andere - wieder zu Hause war, hab´ ich mich dran erinnert, so wie heute, an das Klopfen in den Zelten von Rennes." Der Graubart leerte sein Glas, stand auf und sagte noch: "Ja, ja, so war das damals." Und: "Gute Fahrt, mein Alter!" Auch der Blonde leerte sein Glas, schüttelte im Gehen noch den Kopf und ging zu seinem LKW.
"..... the damned war is over .... for you….." - Nur ein Kriegserlebnis
Morgens um halb fünf wurden sie geweckt. Irgendwas Wichtiges sollte erkundet werden. Noch war es dunkel. In der Wachstube lag eine Armbanduhr. Er griff nach ihr, nahm sie im Vorübergehen mit, einfach so. Schließlich würden sie ja in ein paar Stunden wieder zurück sein. Halt - der Stahlhelm - nur nicht vergessen. Draußen dann Befehlsempfang. Und abzählen - ja, es stimmte - sie waren acht. Sie zogen los.
Thüringen. Zwischen Gotha und Erfurt. Nasskalt. Es nieselte. Ihre Sturmgewehre 44 hatten sie am Vortag aus den Holzkisten geholt. Neu, noch in Ölpapier eingewickelt. Sie sahen aus, als wenn sie einfach aus Blech gestanzt waren. Ausprobiert hatten sie sie am Vortag durch Zielen auf alte Schuhe. Sie hatten sie an die kahlen Äste der Bäumen einer Obstplantage gehängt. Dann hatten sie angelegt und hier und da auch getroffen. Einfach so. Witzchen hatten sie gemacht und gelacht. Und sie waren froh, daß sie ihre alten, schweren Karabiner 98 K hatten abgeben müssen.
In einem Dorf schien bis auf einige Hähne noch alles zu schlafen. Langsam wurde es hell. In dem zweiten Dorf hingen überall weiße Laken, Handtücher und Unterröcke aus den Fenstern. Man hatte gehört, die Amerikaner kämen. Der Bürgermeister stand auf dem Hof und hackte Holz. Noch im Unterhemd, die rutschenden Hosenträger immer wieder hochziehend. "Guten Morgen". Was sollten sie auch anderes sagen. Einer meinte "Wir sollen sie erschießen" - "Warum?" - "Weil sie überall das weiße Zeug hängen haben". Er haute die Axt in den Hackklotz, wischte sich mit dem Handrücken unter der Nase, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah sie der Reihe nach an. "Na, denn mal los". Sie waren erstaunt - und wußten auf einmal nicht, was sie machen sollten.
Ja, klar, das war ihr Befehl: Wenn in einem Dorf weiße Tücher hängen, sofort den Bürgermeister erschießen. Wie sollten sie es nur anstellen? Einfach einen holzhackenden Dorf-Bürgermeister erschießen? Befehl ist Befehl. Aber hier und jetzt? Irgendwie einigten sie sich darauf, dass einer von ihnen den alten Mann zum Befehlsstand zurückbegleiten sollte. Vielleicht verständigten sich die beiden unterwegs, der Weg war lang. Außerdem war uns kalt. Irgendwann habe sie es viel später erfahren, dass der Bürgermeister dem jungen Soldaten Zivilkleider und einen Strohsack in seiner Scheune gegeben hatte.
Dann ging´s weiter. Irgendwann hörten sie einen Flieger. Vielleicht war es schon zehn Uhr oder später. Der Vormittag war trübe, bedeckt, feucht. Dann sahen sie ihn. Ein amerikanischer Aufklärer. Sogar der Pilot war zu sehen. Er beugte sich aus der Kabine. Er flog so tief, dass er sie sehen konnte. Sie standen einfach da und blickten nach oben. Die neuen Sturmgewehre umgehängt sahen sie ihm nach. Keiner von ihnen dachte seltsamerweise daran, die Dinger auszuprobieren.
Dann zogen sie weiter. Und erzählten. Von dem gerade Erlebten. Und lachten wohl auch über die "lahme Ente". So nannten sie die ratternden amerikanischen Aufklärer. Dann kamen sie auf eine kleine Anhöhe. Der begleitende Unteroffizier meinte, sie sollten wohl besser kriechen, um festzustellen, was von dort oben zu sehen sei. Als sie oben waren, sahen sie Zelte, Jeeps, Panzer und sehr viele Amerikaner. Ein geschäftiges Hin und Her. Auch Feldküchen dampften dort schon. Sie krochen durch den nassen Acker wieder zurück. Kaum in der Talsohle angekommen, standen sie auf und klopften sich den Dreck aus der Uniform. Mehr sollten sie ja eigentlich nicht. Nur feststellen, ob und wie viel Amerikaner dort waren. Froh, dies nun gesehen zu haben, freuten sie uns auf einen warmen Kaffee. Also zurück.
Nach kaum hundert Metern wurde auf sie geschossen: Dort auf der Anhöhe, von wo sie gerade gekommen waren, stand ein Panzer, Sherman. Wuchtig und drohend - und schiessend. So schnell hatten sie ohne Befehl noch nie gelegen. Sie lagen im Dreck, Gesicht zum Panzer, Stahlhelm verrutscht. Die Hände in die Erde verkrampft. Dann kamen die Gedanken an Zuhause, Schweiß brach aus und dann die Angst, auch Herzklopfen. Während rechts und links die Garben des schweren Maschinengewehrs kleine Fontänen aufwarfen. Dann das Schielen nach den Seiten. Schon wieder verrutschte der Helm. Scheiße. Sie waren mit acht Mann losgezogen. Einer blieb beim Bürgermeister. Was machen die anderen? Ein Moment war Ruhe. Wie um alles in der Welt konnte Stille so schrecklich sein? Einer von Ihnen fand den Mut. Er stand auf - hob die Hände. Noch wurde nicht wieder geschossen. Vielleicht dachte der eine oder andere von ihnen "Auch aufstehen?" Vielleicht war der Gedanke sogar beruhigend. Dann stand noch einer auf. Zitterte. Klopfte sich den Dreck von der Uniform und rückte den Stahlhelm wieder zurecht, hob die Hände. Jetzt standen sie alle.
Auf der Anhöhe stieg einer der Amis aus dem Panzer. Er sah irgendwie unwirklich aus. Uniform, rotes Cowboy-Halstuch, Panzerhelm mit Belüftungs-Löchern drin, Lederhandschuhe, Pistole mehr hinten als an der Seite. Aber er grinste und winkte. Plötzlich jedoch schwenkte das Rohr des Maschinengewehres wieder. Der Panzer begann Panzer erneut zu schießen. Jetzt gingen sie nicht mehr, sie rannten auf den schiessenden Sherman zu. Immer die Hände in die Höhe haltend. Fast stolpernd.
Aber der Panzer meinte nicht die sechs, die mit erhobenen Händen, hechelnd wie Hunde, auf den Panzer zustürzten. Sie hatten nicht bemerkt, daß einer von ihnen zurücklaufen wollte. Der Panzer fuhr rasselnd an. Holte den Laufenden ein. Wieder stieg einer aus, brüllte laut irgend etwas wie "crauts..." und "....you damned fucked ...." und vieles mehr. Sie waren wütend. Schlugen den Deutschen, ohrfeigten ihn, gaben ihm Fußtritte und jagten ihn zu den übrigen zurück. Der Panzer hinterher. Währenddessen standen die anderen betroffen da, keine Waffen mehr, auch ihre Stahlhelm mußten sie wegwerfen. Und das Lederzeug. Die Amerikaner machten ihnen klar, dass sie durch den Aufklärer von ihnen wussten. Und wieviel sie waren. Sie lachten, als sie hörten, daß man ihren Nah-Aufklärer "lahme Ente" nannte. Und sie sagten, dass sie alle hätten "abknallen" können. Sie waren ja auch lebende Schießscheiben gewesen. Und weil sie absichtlich dazwischen und nicht direkt gezielt, sie geschont hatten, hatten sie ihren Zorn auf den, der zurück wollte, auf ihre Weise abgelassen. Die Deutschen standen betreten da, atmeten aber doch auf - sie lebten noch. Was wollte der "Ausreisser" eigentlich? Sie fragten ihn. Er wollte zurück. Meldung machen von ihrer Gefangenschaft. Alle schüttelten den Kopf, nannten ihn "Idiot". Hatte er doch auch die anderen gefährdet.
Jetzt standen die GIs um sie herum. Einer hatte die mitgenommene Armbanduhr entdeckt. Es war eine Fliegeruhr. Er riss sie ihm vom Arm, betrachtete sie, staunte. "Sorry, ... but…", er machte eine Pause und meinte dann " I need this watch, I like it". Der Arm blutete. Er stieg in den Panzer, brachte Verbandszeug. "Because I hav´nt - look here...". Und er zeigte seinen leeren Arm. Grinste verlegen. Band sich dann die Uhr um. Betrachtete sie sichtlich stolz. Dann kletterte wieder in den Panzer, brachte eine Feldflasche und ein paar Blechnäpfe. Auch die anderen Amis kamen. Es waren vier. Sie sahen aus wie Abenteurer. Einer goss ein. Die Deutschen standen da, tranken und mussten husten. Es war Whiskey. Ungewohnt und neu, aber auch stark. Und er lief heiß ihre trockenen Kehlen herunter. Ihr Schulenglisch half ihnen nur wenig weiter. Die Amis lachten, sahen sie an und machten Witze über die verschmutzten Uniformen. Ihr Ärger schien völlig verflogen. "Ihr habt´s gut, für euch ist die Krieg-Scheiße aus, wir müssen weitermachen". Das hatten sie verstanden: "...for you", sie zeigten auf die Deutschen "... this war-shit is over .... ".
Es war der siebente April 1945. Alle waren sie Offiziersanwärter, in vier Wochen wären sie Leutnants gewesen. Sie waren nur erst 18 Jahre alt, der Unteroffizier 20. Und die amerikanischen Soldaten? Eben noch hatten sie auf "die Feinde" geschossen, jetzt tranken sie Whiskey miteinander. Wie er schmeckte - es war für die jungen Deutschen der erste Whiskey ihres Lebens - wie er damals schmeckte haben sie sicher vergessen. Aber erinnert haben sie sich sicher noch lange. An den Whiskey, aber auch an einen amerikanischen Sherman-Panzer und seine Besatzung. Einer von den Deutschen wird wohl eine Narbe am linken Handgelenk haben.
In der Nacht war es sehr kalt gewesen, vielleicht hatte es gefroren. Der Patron, Amedé, saß vor dem Kaminfeuer auf einem Stuhl. Er saß, seine beiden Arme gekreuzt auf der Stuhllehne, und blickte ins Feuer. Seltsame Farben und Gestalten warfen die knisternden Scheite rings in den Raum und malten Striche und Kanten in das Gesicht des Mannes. Er hatte sich einen Mantel umgehängt, um auch den Rücken zu wärmen. Hin und wieder gähnte er und rieb sich die Hände über den Flammen. Als sein Mantel rutschte, murrte er halblaut und erhob sich. Mit der rechten Hand schob er sein Berét auf dem Kopf hin und her und begann dann umständlich, Wasser in den schwarzberußten, dreibeinigen Kessel zu füllen.
Ein Morgen war angebrochen wie tausend andere. Er holte die Menschen aus ihren warmen Betten und von der Seite ihrer Frauen. Das graue Dämmern mahnte die Geliebten zum Abschied aus heißen Umarmungen und zog den Tag hinter sich her, der in alle Fenster sah, in jede Mauerfuge und in jede Wasserpfütze. Die Bäume standen zu dieser Jahreszeit starr und reckten ihre Stämme und Äste schweigend und schwarzbraun in den dunstig heraufkriechenden Tag. Die Straßen in der Gegend waren schmutzig-hellgrau und nasskalt. Sie liefen auf die Hügel, zwischen ihnen hindurch und pendelten an den kahlen Weinstockfeldern vorbei, die es hier mehr gab, als die jetzt brachen und traurig aussehenden großen Vierecke, auf denen im Sommer das Korn und die Rüben wuchsen. Irgendwo durchbrach ein Hahn mit seiner schrillen Stimme den nassen Morgen und ließ die Kaninchen in den Ställen aufschrecken, die dichtgedrängt in den Holzkästen saßen. Ein Bock stellte die Ohren auf und sah durch das Drahtgitter bis zur Mauer, wo sein Gesichtskreis endete. Dann schlug die Glocke der kleinen Kirche an, - vielleicht trat einer der Menschen auf die Straße, um den Himmel anzusehen.
Das war die Gegend, in der das Dorf Bounergues mit seinen flach gedeckten, aus Kalksteinen erbauten Häusern lag. Es sah aus, als wenn es sich tief an die Erde schmiegen wollte, um von einem wachen Auge Übersehen zu werden. Dennoch passte es hinein in die Landschaft. Die Fensterläden an den Häusern quietschten laut, wenn die alte Boulangère mit den grauen ungekämmten Haaren sie öffnete, und drüben bei Nicodé war es genauso, als Denise Iveaux, noch im Nachthemd, das in seinem tiefen Ausschnitt nicht geschlossen war und ihre Brüste frei zeigte, in das graue Februarwetter sah. Das Dorf passte hierher und darum wurden genauso viel Häuser gebaut, wie sie verfielen. Man zog aus, wenn sich Risse zeigten und zog in ein gleiches, gebaut aus weißen, grob behauenen Kalksteinen aus dem Steinbruch und nahm die Steine des alten Hauses zum Bau des Hühnerstalles oder der Waschküche. Trotzdem verdiente Amedé gut, denn er verkaufte die Steine seiner kleinen Ziegelei in die Stadt, und die Dachziegel wurden gekauft, weil die Alten gesprungen waren oder vom Hagel zerschlagen oder vom Wind auf die Straße oder die auf die andere Seite der Häuser neben die Brunnen mit ihren breiten Rädern und den großen eisernen Kurbeln geworfen wurden. -
André war der Sohn des Amédé mit seiner ersten Frau. Er war anders als sein Vater und stand mit verschlafenen Augen vor der Tür. Seine Hände staken tief in den Hosentaschen, und sein Gesicht war mürrisch. Amedé rief ihn zurück in die Stube, und sie setzten sich gegenüber an den Tisch. Sie sahen sich nicht an und schmatzten das helle Brot und den Käse und tranken den dunkelroten Wein dazu. -
André war ein Taugenichts und war siebzehn Jahre alt, und er war der Sohn des Patrons. Er hatte eine von den fremdländischen Mädchen, die hinter der kleinen Fabrik in einem Häuschen wohnten, dazu gebracht, dass sie manche Nacht in der Hecke am Ende des Hühnerstalles verbrachte. Sie war hübsch, aber da sie mit ihren Schwestern in der Fabrik arbeiten musste, um Nahrung zu verdienen und die bunten Kleider und den Glasschmuck, darum wollte sein Vater diese Freundschaft nicht, und André machte es heimlich. Als er zur Armee musste, und das Mädchen Stefanie in die Stadt ging, um in einem Hotel die Betten zu machen und die Schuhe zu putzen, weil sie damit mehr Geld verdiente als in der Ziegelei, kam es wohl manchmal vor, dass Amédée sie besuchte. Aber das geschah erst viel später und Geneviève, die Frau des Amédé, wusste davon und sagte nichts zu ihm, weil sie dumm war und nichts mit dem Wissen anfangen konnte. -
Als der Zeiger der Pendule langsam auf sieben ging, stand Amedé auf und reckte sich. Dann ging er zum Feuer, hielt noch einmal die Hände über die Glut und wandte sich dann zur Tür. André blickte ihm nach, wie er die wenigen Schritte zur Fabrik ging und legte beide Arme auf den Tisch.
Seine Augen maßen die Entfernung eines Brotkrumens zum nächsten Muster auf der Kunststoff-Tischdecke und schlossen sich dann. Als er sich erhob und beide Hände mit gespreizten Fingern hoch in den Raum stieß, hörte er die Stimme des Amédé, seines Vaters, der ihn rief. Amedé hatte die Arbeiter eingeteilt und ging in sein Büro mit dem altmodischen Geldschrank und der Tür zu dem kleinen Raum, mit dem er noch nicht ganz wusste, was er damit anfangen sollte. Er stand also leer. -
Zur selben Zeit schlurfte der bucklige Coiffeur Beljeaux von der rechten Seite auf die linke. Er war dabei, den langen Emilio, einen Italiener, zu rasieren und zog eine Fußbank mit dem rechten Fuß hinter sich her, auf die er sich stellte, um das Messer besser führen zu können. Ein schmutziges Handtuch hing ihm über dem Arm und hin und wieder zog er den linken Handrücken unter der Nase vorbei, weil sonst ein Tropfen, der sich aus den behaarten Löchern zu lösen drohte und selbst durch dauerndes Hochziehen nicht zu halten war, auf die Armlehne des Stuhles oder auf die Schulter des langen Emilio gefallen wäre. Als draußen auf der Straße ein Ochsenkarren vorbeizog, ging Beljeaux an die Tür, hob die gelblich-weißen Vorhänge und sah lange hinaus. Als er zu Emilio zurückkehrte, war die Seife angetrocknet, und der Alte begann, seinen Kunden neu einzuschmieren. -
Die zweirädrige, schaukelnd-quietschende Charette von Jèrome Almend war auf dem Weg zum Steinbruch. Die beiden Ochsen, die sie zogen, gingen mit gesenkten, dicken Schädeln, die das schwere hölzerne Querstück trugen, hinter Jèrome her, der wohl an die zwanzig Meter vor ihnen schlurfte. Über der Schulter trug er einen langen Stock, in den vorn die Spitze eines Nagels geschlagen war, um die Ochsen anzutreiben, wenn er sich umdrehte und meinte, sie gingen zu langsam. Der struppige Hund des Metzgers Briand kläffte Über die Straße und Madame Renault stand beim Bäcker und schimpfte über die Regierung. Aus dem Fenster der Belpartes hingen die Leintücher der Betten, und der junge Bernard lachte gemein über seinen Witz, den er der Jeannette Castan erzählt hatte. Sie war die Schönste aus dem Dorf, und manch einer der jungen Burschen hätte sie nach dem allsonntäglichen Grandball durch die Nacht zu ihres Vaters einsam gelegenen Anwesen bringen mögen. Der Bürgermeister, Monsieur Durand, ging zu seiner Kanzlei, um nach dem rechten zu sehen. Zu tun war nichts, aber vielleicht ergab sich doch etwas. -
Aus den Kaminen stieg träger gelber Rauch, und das Dunkelgrau des Morgens hatte sich in ein dunstiges Hellgrau gewandelt, als der Zeiger der Kirchturmuhr auf die Mittagszeit ging. Die Menschen in den Häusern waren an der Arbeit oder taten nichts. Die Frauen begannen, das Essen zu richten, und die Männer setzten die Rotweinflasche einmal mehr an den Mund. Der Wein war ihr Leben, und das Essen war ihr Luxus. Die Alten arbeiteten und sprachen über die schlechte Regierung und das zu dunkle Brot und erzählten sich Witze über die Weiber. Wenn ihre Frauen es hörten lachten sie mit. Die Jungen arbeiteten und sahen den Mädchen nach und dachten an schmutzige Zoten und waren doch sauberer als auf dem Hof von Julien Castan oder Jèrome Almend der Mist. Das waren große ungleichmäßige Haufen, und ein fader Rauch stieg aus ihnen auf. -
Im Hause Pêre Revèrd`s goss die alte Haushälterin heiße Fleischbrühe auf das in dünne Scheiben geschnittene Brot im Steinguttopf, der auf dem Tisch stand. Pêre Revérd war der Pfarrer des Dorfes Bounergues, und seine schwarze Kutte, die er für alle Tage trug, war genauso schmuddelig wie die alte Marie, die dafür zu sorgen hatte, dass alles im Hause, nahe bei der Kirche, seinen ordentlichen Gang ging. Pêre Revérd war dick, und seine Stimme klang hohl, wenn er das Tischgebet sprach und noch hohler, wenn er am Sonntag seine Stimme von der Kanzel schallen ließ. Auf allen Tischen im Dorf klapperten jetzt Löffel, und das Schmatzen der essenden Menschen übertönte die Flammen, die in den Kaminen mit dem trocknen Fichtenholz spielten. Der Metzger Briand rülpste laut und warf seinem Hund eine halbe Wurst hin. Césare Bernard saß neben Paulette Durand, der Tochter des Bürgermeisters. Er arbeitete für Monsieur Durand, und alle, die für den Bürgermeister arbeiteten, aßen auch bei ihm. Aber der junge Bernard hatte andere Gedanken als das Essen. Seine Blicke gingen vom Teller oft auf die Gestalt der Paulette und waren verlangend. Der Bürgermeister sah es wohl, aber er dachte bei sich, dass er den Césare Bernard nur noch zwei Tage brauchte, dann sollte er zu Amedé in die Fabrik zum Helfen. Amedé war sein Bruder, und er hatte ihm versprochen, den Césare zu schicken. Das Ehepaar Iveaux hatte schon gegessen, und da sie jung verheiratet waren, hatte Vasalle seine Frau Denise in die Arme genommen, und sie waren ins Schlafzimmer gegangen. Auch Père Réverd legte sich zur Ruhe, seine Hände über dem Bauch gefaltet.
Draußen auf der Straße spielten die Kinder der Beljeaux und die kleine Yvette Renault miteinander und kreischten so laut, dass Madame Renault in die Gasse schrie, sie sollen sich zum Teufel oder zu Beljeaux´s scheren. Dann war wieder Ruhe, und als die Tür zuschlug und im Grand Hotel, dem einzigen Restaurant und der einzigen Tanzdiele, Emilio auf seiner Ziehharmonika einen Walzer übte, klang es, als wäre das Dorf allein auf der Welt und seine Menschen gern einsam in ihren Häusern und einsam miteinander. -
Um die zweite Nachmittagsstunde hing der Himmel so tief, dass Tropfen auf die Ziegel der Häuser fielen und die Lehmgrube vom Amédé, wo die Arbeiter dabei waren, die Erde, die für die Fabrik bestimmt war, in kleine Loren zu laden. Rico arbeitete wie ein Pferd und stieß, wütend auf den Tag und auf den rieselnden Regen, seine Schaufel in den glitschigen Boden. Julien schob sein Berét einmal um seinen schwarzgelockten Schopf und zog sich eine Jacke an. Antoine schwang die schwere Spitzhacke in den festen Boden und spuckte dann und wann in die Hände. Als Amedé sie in die Fabrik zurückrief und sie die drei eisernen und rostigen Loren auf den Schienen vor sich her nach oben schoben, wo bei jedem Schritt ein seltsamer Ton in dem lehmigen Matsch erklang, stand Gènevieve Durand mit Madame Castan unter dem großen Holzschuppen und erzählte ihr von den Kleidern der Renault und der Boulangère, die am letzen Sonntag in der Kirche unmöglich angezogen waren. Die Grandmêre saß am Kamin und wickelte eine oft gewaschene Binde um ihr bläulich schimmerndes dickes Bein. Sie hatte ihre Röcke hochgeschlagen und auf ihrem rechten Pantoffel, in dem ihr Fuß nur halb steckte, lag die graue Katze und schnurrte behaglich. Draußen fiel der Regen leicht und ohne Unterbrechung in die nahende Dämmerung. André Durand setzte sich auf ein paar aufeinanderstehende Ziegel in der Fabrik und lächelte das Mädchen Stefanie an, das an der Maschine arbeitete. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und stand nach einer Weile auf, um das Licht anzudrehen. Dann ging er um den großen runden Brennofen, in dem die Ziegel zweimal in der Woche gebrannt wurden. Das Heizen war sein Amt. Drüben bei den Castan´s erhellten sich jetzt die Fenster und man sah, wenn man näher ging, die schlanke Gestalt der Paulette, wie sie die Vorhänge zuzog. Ein Auto mit Holzvergaser hastete durch die Dorfstraße und als seine Räder durch eine Pfütze fuhren, spritzte das dreckige Wasser bis an die Ladentür des Metzgers Briand. Das Licht schien durch die kleinen Fenster und warf Reflexe auf die nasse Straße. die Laterne an der Ecke der Boulangère beleuchtete matt ein Reklameschild und von dem altmodisch geschwungenen eisernen Träger tropfte unablässig das Regenwasser auf den Handwagen der Iveaux´s mit dem Vasalle ein kleines Rotweinfaß gebracht hatte. Es sollte bis zum nächsten Monat reichen. -
Der Bürgermeister schloss umständlich das Amtsgebäude ab, das gleichzeitig Schule war und ging zu seiner Wohnung. Inzwischen war die Dämmerung, die erst träge, dann aber schnell und fast kräftig den Tag verdrängt hatte, bis zur vollständigen Dunkelheit weitergegangen. Die Charette Jèrome Almend´s kam vom Steinbruch zurück. Jèrome ging müde vor dem mit Steinen beladenen Gefährt und als es knarrend von den Ochsen bei Beljeaux vorbeigezogen wurde, musste der junge Bernard warten, bis der Alte dem Ereignis lange genug nachgeschaut hatte. Dann kam der Coiffeur zurück von der Tür und stellte sich auf den Hocker. Er nahm die Schere, - zog hoch, indem er die Nase schief stellte und rieb mit dem Handtuch den Tropfen weg. Die Lampe verbreitete ein gelbliches Licht und am Kamin saß Rico, der von der Arbeit bei Amedé gekommen war und sprach über das Wetter und den Regen. Dann bückte er sich und kratzte an seinen lehmigen Schuhen herum. Im Mund steckte die selbstgedrehte Zigarette. Ab und zu legte er sie mit der Zunge vom rechten in den linken Mundwinkel. Die jungen Iveaux´s setzten sich zum Abendessen, und die Boulangère machte ihren Brotladen zu. Im Grand Hotel spielte Emilio auf seiner Ziehharmonika, und draußen regnete es. Das Dorf war dunkel verhangen, und diese Nacht würde keinen Frost bringen. Die dunklen Schatten der Häuser und Bäume sahen aus, als wenn sie Angst vor der Nacht hätten. Pêre Réverd kam aus der Kirche und fluchte laut über eine im Wege liegende Wagenstange. Als er merkte, dass Marie seine Worte gehört hatte, bekreuzigte er sich und warf einen um Verzeihung bittenden Blick in die nachtschwarze Höhe. Ein Tropfen, der ihm in das rechte Auge fiel, war das einzige Zeichen, das ihm der Himmel sandte. Der Hund des Metzgers fletschte an einem Knochen herum, den er mit beiden Vorderpfoten hielt, und in der Ziegelei schob André Durand die letzten Scheite in die Feuerlöcher, die die Umgebung rot aufleuchten ließen wenn er sie öffnete. Seine Arbeit für diese Woche war beendet, und das Mädchen Stefanie wartete im Dunkel der Fabrik. Amedé machte in seinem Büro das Licht aus und ging in sein Schlafzimmer, wo seine Frau Gènevieve nackt vor dem Spiegel stand und sich betrachtete. Er schüttelte mit dem Kopf, zog sich aus und legte sich in seinem Bett pustend auf die andere Seite.
Nach einer Weile ging das Licht aus. Auch Gènevieve hatte sich zum Schlafen gelegt. -
Die Glocke des Kirchturms schlug die elfte Stunde an, als das letzte Licht des Dorfes ausging. Nur die Straßenlaternen erhellten matt den ihr zugewiesenen Raum, und die Tropfen fielen gleichmäßig auf die Dächer. Die Katze der Grandmêre im Hause vom Amédé streckte den Schwanz in die Höhe, machte einen Buckel und begann ihren nächtlichen Streifzug durch das Haus und die nasse Umgebung. Ihre Augen leuchteten grünlich in der Dunkelheit. Die Menschen hatten die Nacht erwartet, und sie war gekommen. Sie war gekommen zu den Iveau´s, dem Coiffeur Beljeaux und zur schönen Paulette Castan, die sich reckte und dehnte im Traum. Sie war gekommen zur Boulangère und zum langen Emilio, zu den Weinstöcken und zu dem nahen Wald, zu den Straßen und der nassen, noch beladenen Charette des Jèrome Almend. Aus dem kalten Dunst des Morgens war ein feiner, dauernder Regen geworden, und die Landschaft sog ihn in sich auf. Die Kleider der Menschen hingen über den Stuhllehnen nahe den noch glimmenden Kaminen zum Trocknen. Ein Tag hatte begonnen und hatte geendet. Die Menschen waren älter geworden, der Monat war um einen Tag kürzer geworden. Die Zeit hatte einen Schritt vorwärts getan, das Leben war weitergegangen. Das Dorf Bounergues hatte nichts davon gemerkt.
Hans-Joachim Möller