Georg K. Schmelzle:Der 17. Juni bleibt der TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT!
-Vor 55 Jahren Volksaufstand der Deutschen zwischen Elbe/ Werra und Oder/ Neiße
Der gestohlene Nationale Gedenktag - von einem Westdeutschen erlebt und gesehen
Wenn ich das Gejammere um die Probleme der Deutschen Einheit höre, kommt mir der Tag der Deutschen Einheit, wie ich ihn 15jährig 1953 erlebte, immer wieder ins Gedächtnis, als wäre es gestern. Es war ein Mittwoch. Ich kam gerade von dem Gruppenabend der Christlichen Pfadfinder in Voßheide/Lippe. Plötzlich brauste ein damals noch seltenes Auto und stoppte kreischend vor uns. Ein aufgeregt wirkender junger Mann verteilte an uns Sonderblätter mit Schlagzeilen wie "Volksaufstand in Ost -Berlin - Rufe nach freien Wahlen und Wiedervereinigung - Die ganze ZONE in Aufruhr und Demonstration - Generalstreik für die Deutsche Einheit ". Ich muß gestehen, daß dieses politische Ereignis mein ganzes politisches Denken und Handeln bis heute beeinflußt hat. Der Tag der "Deutschen Einheit" fehlt mir in meinem Selbstverständnis heute.
Aus der nahen Gastwirtschaft kamen Männer auf die Straße, freuten sich mit uns über diese unerwarteten Ereignisse und drückten uns - damals völlig unmöglich - ein Glas Bier in die Hand. Lieder wurden angestimmt. Nur mir liefen die Tränen über die Wangen bedingt durch meine Erinnerung an die Vertreibung und die plündernden Sowjetsoldaten. Ich antwortete auf Befragen: "Wenn der Westen nicht hilft, werden die Sowjets alles blutig niederschlagen!" Ich wohnte weit außerhalb in Vogelhorst/ Lemgoer Holz in einem mühsam für acht Vertriebene zurechtgemachten Fachwerkhaus von 1848, das lange Jahre schon als Viehunterstand gedient hatte. Mein Vater war sehr ungehalten, daß ich so spät nach Hause kam. Der hatte die Nachrichten auch schon über einen alten Volksempfänger gehört. Er meinte, für mich ganz herzlos klingend, daß die Westmächte dieses Aufbäumen gegen die Kommunistenherrschaft von Moskaus Schergen im Stiche lassen würden. Der Westen sei mit dem besseren industriellen Teil Deutschlands als Kriegsbeute zufrieden und wolle doch die Einheit der Deutschen in Freiheit nicht. Er wolle die Deutschen nur bestrafen, er würde keinen Soldaten riskieren. Das Eintreten für Freiheit und Selbstbestimmung sei wie nach dem Ersten Weltkrieg nur Schaupropaganda.
Obwohl die Voraussage meines Vaters sich bewahrheitete, war ich auf diesen Tag der Niederlage stolz, weil an diesem 17. Juni 1953 die deutschen ARBEITER für Selbstbestimmung demonstriert hatten. Sie hatten freie Wahlen, Entlassung der Politischen Gefangenen und erst dann Einführung der Marktwirtschaft, bessere Versorgung und leistungsgerechte Löhne mit kaufkräftigem Geld gefordert. Sie hatten verantwortungsvoll gehandelt. Vorbildliche öffentliche Versammlungen - übrigens oftmals von ehemaligen Unteroffizieren der Wehrmacht geführt - waren einberufen worden, das Deutschlandlied wurde gesungen. Selbst schießende kasernierte Volkspolizei wurde nur entwaffnet und nicht gelyncht. Man provozierte die Sowjetsoldaten nicht, sondern versuchte sie von dem ehrlichen Wollen zu überzeugen. Einfache Arbeiter, oft ehemalige Unteroffiziere, schafften die Solidarität aller Schichten und in Sprechchören wurde den Unterdrückern zugerufen: "Genossen reiht Euch ein, wir wollen alle Brüder sein!" Soweit die Intelligenz und die Selbstständigen nicht in "Anhaltelagern" saßen oder in den Westen geflohen waren, standen sie wie die Schriftsteller feige beiseite, um sich dann auf die richtige Seite zu schlagen. Nur Zeitungsstände gingen in Flammen auf, es wurde nicht geplündert aber die politischen Gefangenen wurden befreit, wo es möglich war. Über diesen Arbeiteraufstand mußte man keine Legende erfinden, er war vorbildlich in der Zeitgeschichte Ein Idealbild für einen demokratiebegeisterten Gymnasiasten, der noch glaubte, was ihn gelehrt wurde.
Bertolt Brecht schämte sich nicht, von einem Schriftstellerkongress in Budapest ein Ergebenheitstelegramm an die Statthalter Moskaus im Zentralkomitee der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) zu schicken, das nur ganz versteckt Kritik ahnen ließ: "Die Geschichte wird der revolutionären Ungeduld.der SED ihren Respekt zollen. Die große Aussprache mit den Werktätigen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen. Es ist mir ein Bedürfnis Ihnen (gemeint ist Walter Ulbricht) in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der SED auszusprechen." Das offizielle Parteiorgan NEUES DEUTSCHLAND druckte nur den letzten Satz davon ab. Der "große Humanist" protestierte nicht gegen den Schießbefehl. Er ging auch nicht in den Westen und veröffentlichte seine Kritik an der kommunistischen Diktatur in Mitteldeutschland, wie er es gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur getan hatte, er nahm hin, daß Tausende eingesperrt und nach Sibirien deportiert und über eine Million Jahre Zuchthaus und Strafarbeitslager verhängt wurden. Er war weltbekannt, seine Stimme wäre in der ganzen Welt gehört worden, und er hätte keine Angst um seine Person haben müssen. Andere Schreiberlinge wie KUBA (Kurt Bartels) und Stefan Heym äußerten sich noch schlimmer. Stefan Heym, der sich heute gern als der"Präceptor Germaniae" feiern läßt, schrieb damals "von faschistischen Stoßtrupplern in Ringelsocken und Cowboyhemden".(alles nachzulesen in dem Nachruck von "Der Aufstand im Juni" Zeitschrift Der Monat, Heft 6o/61, September/Oktober 1953 Joachim G. Leithäuser, heute Faksimileverlag Bremen mit Vorwort von Bundespräsident Theodor Heuß für die Sonderausgabe des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Aufgaben.). Stefan Heyms Buch "Fünf Tage im Juni" ist eine einzige Verleumdung des Freiheitsstrebens der Menschen in mehr als 260 Orten der "DDR" mit 300 Toten und ebensoviel Verletzten. Übrigens schrieb Arnulf Baring auch seine MA-Arbeit über den "17. Juni" in Englisch an einer US-Universität. Das Gesamtdeutsche Ministerium versorgte die Schulen mit einem Sonderdruck.
Brecht starb 1956, seine Witwe, Helene Weigel, machte noch viele Jahre episches Theater zum Ruhme der DDR. Erst nach Brechts Tod wurde sein Gedicht DIE LÖSUNG bekannt, das heute von seinen Jüngern als Stellungnahme zum Volksaufstand in der SBZ ausgegeben wird. Hinterher hat es keinem Verfolgten mehr genützt, nur noch den Brechtbejublern und "Idealsozialisten":
Nach dem Aufstand des 17. Juni
ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes
in der Stalinallee Flugblätter verteilen
auf denen zu lesen war, daß das Volk
das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
und es nur durch verdoppelte Arbeit
zurückerobern könne. Wäre es da
nicht einfacher, die Regierung
löste das Volk auf und
wählte ein anderes?
Am 17. Juni machte es sich sehr günstig, daß viele Deutsche Arbeiter "Russisch" sprechen konnten, und diese Kenntnisse wären sicher sehr hilfreich gewesen, wenn Moskaus Schergen nicht am 9. November 1989 aufgegeben hätten. Die Machthaber hatten zwar nicht genügend "Persilscheine" gesammelt, die ihnen ein Bleiben in Deutschland ermöglichten, aber sie konnten auf den bundesdeutschen Rechtsstaat vertrauen, der "Rente statt Rache" garantiert (Wolfgang Biermann in einem Song nach dem Mauerfall in Leipzig).
Im Zusammenhang damit sollten wir auch nicht die 17 sowjetischen Soldaten vergessen, die nach dem Juni - Aufstand 1953 standrechtlich erschossen wurden, weil sie sich geweigert hatten, auf demonstrierende deutsche Arbeiter zu schießen. Hunderte von "unzuverlässigen" Offizieren wurden nach Sibirien verbannt. Alle Besatzungsdivisionen wurden ausgewechselt. Mit Absicht schickte man vorzüglich asiatische Soldaten (mit großrussischem Rahmenpersonal) in die DDR, um einen Kontakt zur Bevölkerung schon durch Sprachschwierigkeiten zu unterbinden.
Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach bei der Trauerfeier für die Opfer des 17. Juni vor dem Schöneberger Rathaus "Wir werden nicht ruhen und werden nicht rasten, diesen Schwur lege ich für alle Deutschen ab, bis auch die Deutschen "drüben" Freiheit und Selbstbestimmung haben. Bis ganz Deutschland wiedervereint ist!" Das war am 23. Juni 1953, in späteren Jahren zogen die Bildstellen den Film davon aus dem Verkehr. Viele haben diesen Schwur gar nicht ernstgemeint und nur eine Minderheit hat die Landsleute drüben durch Briefe, Pakete, Besuche und Einladungen unterstützt. Vor allem sozialdemokratische Politiker wollten den 17. Juni als "Tag der deutschen Einheit" zugunsten eines "Verfassungstages"(unrühmliches Vorbild 13.8.1919 der Weimarer Republik) am 23. Mai (darum wählen wir immer den Bundespräsidenten an diesem Tag) streichen, an dem das Grundgesetz 1949 in Kraft trat. 1990 fiel der 17. Juni auf einen Sonntag, ein gesetzlich bezahlter Feiertag ging also in diesem Jahre verloren. Flugs wurde ein neuer "Feiertag" am 3. Oktober geschaffen, um mit diesem sozialen Besitzstand die EINHEIT für die bundesdeutschen Geizkrägen schmackhaft zu machen. An den Vorschlag des Vertriebenenministers Prof. Dr. Dr. Oberländer, den Lohn von einem "Nationalen Gedenktag" für die EINHEIT zur Verfügung zu stellen, dachte niemand mehr. Den 9. November, den Tag des Mauerbruchs, konnte man ja nicht nehmen, weil er zeitgeschichtlich zu belastet war und vorwiegend zu einem "Bußtag" verkommen wäre. Man denke nur an den 9.November 1988, als das Gedenken an das von den Nationalsozialisten künstlich verordnete SA-Pogrom gegen die deutschen Juden, so gründlich mißdeutet wurde, weil das Unrecht des Versailler Diktates als Vorgeschichte anklang, daß ein bekannter Freund Israels von seinem Amt als Bundestagspräsident zurücktreten mußte. Daß die MAUER an diesem Tag brach und Philipp Jenninger anschließend Botschafter in Österreich und später bis zu seiner Pensionierung 1999 beim Vatikan wurde, ist vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit in der Zeitgeschichte.
Die sich mit der Teilung Deutschlands nicht abgefunden hatten, die bis zuletzt Pakete schickten, Briefe schrieben, anriefen, jährlich drei Wochen für Besuche von "drüben" freihielten , Patenschaften übernahmen und lieber zu den Verwandten als nach Mallorca fuhren, haben am TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT festgehalten und begehen diesen Tag der deutschen Identität heute noch. Sie haben nicht eingesehen, daß man diesen Tag aus der deutschen Zeitgeschichte gestrichen hat in dem Glauben, ein Zugeständnis an den großrussischen Imperialismus zu machen. Ich meine immer noch, daß man auch nach mehr als fünfzig Jahren diesen Tag des deutschen ARBEITERAUFSTANDES feiern kann, der der erste Aufstand im Ostblock war und dem sonst das Aufbegehren in Budapest, Posen, Danzig, Prag und Leipzig nicht gefolgt wären. An diesem 17. Juni haben Deutsche für die Demokratie und Europa gestritten, leider wurden die Streikführer nur 1993 im Reichstag geehrt, unsere Politiker haben auf diesen Identität stiftenden Tag der Deutschen in Ost und West fahrlässig verzichtet. Dieser Tag wäre auch eine Erinnerung an die Schergen und Mitläufer des Unrechtssystems der DDR gewesen und eine Mahnung an die, die bei uns im satten Westen an der Forderung der Freiheit für unsere Brüder und Schwestern und auch für die Nachbarvölker in Ostmitteleuropa nicht festgehalten haben.
Eine Wiedereinführung des 17.Juni als TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT könnte die innere Einheit befördern, das ewige Klagen über Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen der 44 Jahre getrennten Deutschen überwinden. Der Tag könnte auch Programm einer Bewegung für Deutschland in einem Europa der Vaterländer sein, die den Deutschen die nötige Normalität in der nationalen Selbstbehauptung und den Stolz auf ihre Geschichte zurückgibt, ohne den sie sonst nur Wohlstandsbürger ohne staatsbürgerliches Demokratiebewußtsein sind. .Das ist notwendig, um auch Krisenzeiten unserer Staatsform und die Lasten für ein vereinigtes Europa mit unseren östlichen Nachbarn bewußt zu schultern. Ein Ruck für die Demokratie und für Europa könnte durch das Deutsche Volk gehen, das sich mit einer Helotenexistenz in einer Freizeitgesellschaft abgefunden hat und jeden Idealismus abtut.
"Am 17. Juni standen 17 Millionen Deutsche diesseits des Eisernen Vorhangs auf, um gegen das totalitäre System des Kommunismus zu protestieren, um das Joch des Unrechts abzuschütteln und die Freiheit wiederzuerlangen.
Freie Wahlen in ganz Deutschland,
Rücktritt der kommunistischen Regierung,
Freiheit für die politischen Gefangenen,
Auflösung der Geheimpolizei,
Beseitigung der Zonengrenzen.
Georg K. Schmelzle, Norden